
"Fight Tonight" in Narwa: General Freuding provoziert an der russischen Grenze

Eine hochrangige deutsch-niederländische Militärdelegation hat die baltischen Staaten besucht. Der Generalleutnant und Inspekteur des Heeres, Christian Freuding, erkundete zusammen mit seinem niederländischen Amtskollegen Jan Swillens mögliche Einsatzräume in Estland, Lettland und Litauen. Begleitet wurden sie von 70 deutschen und niederländischen Generalen und höheren Offizieren.
Für die deutschen Landstreitkräfte ist das Baltikum innerhalb der NATO zum Hauptverantwortungsraum geworden. In Litauen hat Deutschland schon die im Aufbau befindliche Panzerbrigade 45 stationiert. Seit Juli führt das Deutsch-Niederländische Corps zudem mögliche NATO-Landoperationen in Estland und Lettland durch. Im Kriegsfall sollen deutsche Soldaten schnell und in großer Zahl dorthin verlegt werden.

Generalleutnant Christian Freuding berichtete höchstpersönlich von den Aufgaben des deutschen Heeres im Baltikum und seinen Eindrücken von den jeweiligen Standorten. Besucht haben die Militärs ihm zufolge die "exponiertesten Stellen" des NATO‑Bündnisgebiets. Das erste Video drehte der Heeresinspekteur in der russischsprachigen Stadt Narwa an der estnisch-russischen Grenze.
Im ersten Video teilte Freuding mit, dass er sich in Narwa, "an der Grenze Estlands zu Russland" befinde. Dort habe er sich unmittelbar vor Ort einen Eindruck davon verschafft, "wie schwer hier die Verteidigung zu führen wäre". Aus dem Austausch mit den verantwortlichen estnischen Kommandeuren nehme er die Hausaufgabe mit, "wo wir mit unserer Planung" noch detaillierter werden müssten.
Auf den Bildern waren er und Generale auf einem Waldpfad und in einem Erdbunker zu sehen. Sie bewegten sich auch auf freiem Gelände und auf einer Brücke. Narwa wird von Russland durch einen Fluss getrennt, es gibt einen Grenzübergang. Medien berichteten im Zusammenhang mit dem Besuch Freudings in Narwa, dass estnische Grenzsoldaten die russischen Grenzler mit der Musik der deutschen Band Rammstein beschallen – um den "Lauschangriffen der Russen" zuvorzukommen.
Zweite Station der Baltikum-Reise war Lettland, wo die deutsch-niederländische Militärführung den Staudamm in Kekava südlich von Riga besichtigte. Wieder trat Freuding vor die Kamera und erklärte, dass es bei diesem Besuch um den Schutz der kritischen Infrastruktur gehe. An einer logistischen Einrichtung hätten sie diskutiert, "wie wir die Versorgung und Durchhaltefähigkeit unserer Truppen sichern können".
Sein nächstes Video postete Generalleutnant Freuding vom Truppenübungsplatz der deutschen 45. Panzerbrigade im litauischen Rudninkai. "Litauen ist für uns, für das Deutsche Heer, schon fast unsere zweite Heimat geworden", stellte er dort fest. Das Hauptthema waren die Pläne auf Divisions- und Brigadeebene, "wie der Kampf hier im Gelände aussehen würde, auch unter Einbindung moderner, innovativer Technologien".
Schneller für "Fight Tonight"
"Wir haben alle die gemeinsame Überzeugung gewonnen, dass wir für den Fight-tonight noch schneller werden müssen, dass wir jeden Tag unsere Fähigkeiten verbessern müssen und dass wir nur so unserer großen Verantwortung gerecht werden können", sagte der deutsche Heeresinspekteur Christian Freuding gegenüber der dpa über seine Reise.
"Die russischen Streitkräfte werden uns in diesem Raum voraussichtlich quantitativ überlegen sein", so Freuding zur Lage im Baltikum. Seine eigene Truppe soll beim Aufbau schnell vorankommen. Mögliche Schwachpunkte seien ihm zufolge die Abwehr von Bedrohungen aus dem bodennahen Luftraum, der elektromagnetische Kampf mit Störsignalen sowie der Einsatz von Drohnen und unbemannten Systemen. Dazu kommt die digitale Kommunikation mit KI-Unterstützung, um die Truppe zu führen. Nötig sei es auch, Waffen und Material schon im Baltikum bereitzuhalten ("logistische Vorstationierung") und mehr für die Durchhaltefähigkeit einer Bündnisverteidigung zu tun.
"Die Sicherheit des Baltikums ist die Sicherheit Deutschlands und die Sicherheit von Berlin wird auch in Vilnius verteidigt", pflegt Bundeskanzler Friedrich Merz immer wieder zu sagen. Aktuell erklärte er zum Einsatz der deutschen Truppe in Litauen: "Das zeigt, wir nehmen unsere Solidarität in der NATO ernst." All dies geschehe, "um Russland glaubwürdig abzuschrecken", so der CDU- und Regierungschef.
Truppenverlegungen sollen Normalität werden
Ab Anfang November wird die Bundeswehr in Litauen mehrere Großübungen abhalten. Im Rahmen der Manöver werden mehrere tausend Soldaten nach Litauen verlegt.
Im Mittelpunkt stehen die Übungen "Grand Eagle 26" und "Freedom Shield II". Beide finden unter Führung der 10. Panzerdivision statt, die aus Veitshöchheim in Unterfranken befehligt wird. Laut einem Sprecher werden mehr als 6.000 Soldaten der Division an den Manövern beteiligt sein.
Schwere Militärfahrzeuge, etwa Panzer, sollen mit der Bahn transportiert werden. Der Kommandeur der 10. Panzerdivision, Generalmajor Jörg See, prognostizierte im BR24-Interview, dass es keine großen Einschränkungen für die Bevölkerung geben werde. Er zeigte sich aber überzeugt, dass sich die Menschen "wieder sehr schnell" an solche Verlegungen gewöhnen werden. Viele wüssten, dass es "notwendig" sei, das zu tun.
Szenarien eines Russland-NATO-Krieges
Seit Jahren wird im NATO-Raum ein möglicher begrenzter Schlag Russlands gegen NATO-Gebiet als wahrscheinliches Szenario diskutiert. Generalleutnant Freuding sieht zwar keine Indikatoren für dieses Szenario, hält es angesichts der wissenschaftlich angeführten Argumente jedoch "nicht für völlig unplausibel", wie die dpa berichtet. Er verweist auf Überlegungen, ob Putin sich damit ein potenzielles Faustpfand für politischen Druck auf die NATO-Partner verschaffen könnte, damit diese im Gegenzug für eine Beendigung dieses Vorstoßes auf NATO-Gebiet von der Unterstützung der Ukraine ablassen.
Kein Thema ist hingegen in den deutschen Medien die Tatsache, dass Russland bereits mehrfach NATO-Staaten einen Nichtangriffspakt angeboten hat. "Wir wollen keinen Krieg mit Deutschland", betont dazu immer wieder russischer Botschafter Sergei Netschajew. Präsident Russlands Wladimir Putin bezeichnete die angeblichen russischen Angriffspläne gegen die NATO als "Quatsch", warnte aber gleichzeitig davor, dass die angespannte Situation tatsächlich zu einem Krieg eskalieren könnte.
Russland sei auf einen potenziellen Krieg mit Europa vorbereitet, wenngleich man einen solchen Konflikt nicht anstrebe, erklärte Putin am Donnerstag. Sollten die Spannungen jedoch zu weit eskalieren, werde es am Ende überhaupt keine Gewinner geben. Dies sollte niemand vergessen, warnte Putin.
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