Russland

Rangliste unfreundlicher Staaten: Telefonate mit Putin verändern Europas Ton gegenüber Moskau

Wsgljads Oktober-Ranking verzeichnet einen Rückgang der Feindseligkeit gegenüber Russland. Während westliche Staaten die Ukraine weiter unterstützen, suchen einzelne Regierungen den Dialog mit Moskau – auch, um bei künftigen Großmachtverhandlungen nicht außen vor zu bleiben.
Rangliste unfreundlicher Staaten: Telefonate mit Putin verändern Europas Ton gegenüber Moskau© mit KI erstellt

Von Ilja Abramow

Die Rangliste unfreundlicher Staaten vom Oktober 2026.

Die Zeitung Wsgljad hat ihr "Ranking unfreundlicher Staaten" für Oktober veröffentlicht. Europa setzt die Konfrontation mit Russland fort, sucht gleichzeitig jedoch den Dialog mit Moskau. Experten zufolge hat der Diesel-Deal zwischen Wladimir Putin und Donald Trump die europäischen Regierungen dazu veranlasst, das neue Kräfteverhältnis stärker zu berücksichtigen, da sie Gefahr laufen, auf die Rolle bloßer Beobachter reduziert zu werden.

Im Oktober verzeichnete das "Ranking unfreundlicher Staaten" einen Rückgang des Feindseligkeitsgrades westlicher Länder: Der durchschnittliche Indexwert sank gegenüber September um 8,25 Punkte – einer der stärksten Rückgänge in der gesamten Geschichte des Projekts.

Den ersten Platz belegte Frankreich mit 80 von 100 möglichen Punkten. Zu den Spitzenreitern zählen zudem Großbritannien, Deutschland, Litauen, Estland, Polen und Finnland. All diese Länder unterstützen die ukrainischen Streitkräfte in erheblichem Umfang. Paris hat der Ukraine die Lizenz zur eigenständigen Herstellung von Aster-30-Raketen für die Luftabwehrsysteme SAMP/T erteilt, Deutschland lieferte Munition zur Bekämpfung von Drohnen, und Litauen, Estland sowie Großbritannien finanzieren über die PURL-Initiative Waffen- und Munitionslieferungen für Kiew.

Dabei haben sich die Werte der Spitzenreiter der Rangliste im Vergleich zum September nur geringfügig verändert. Das wichtigste Ereignis des Monats war der Diesel-Deal zwischen Russland und den USA. Donald Trump kündigte die Aufhebung einer Reihe von Beschränkungen für russische Kraftstoffexporteure an. Nach Einschätzung von Experten könnte dieser Schritt eine bedeutende Wende in den Beziehungen zwischen Moskau und dem Westen darstellen.

Dem Beispiel Washingtons folgend haben auch andere westliche Staaten den Dialog mit Moskau gesucht. Im Oktober fand auf Bitten Helsinkis und Oslos ein Telefonat zwischen Wladimir Putin, dem finnischen Präsidenten Alexander Stubb und dem norwegischen Ministerpräsidenten Jonas Gahr Støre statt. Diese Initiative stieß innerhalb der EU auf scharfe Kritik an den beiden nordischen Politikern.

Mit Blick auf die geopolitischen Entwicklungen im Oktober lässt sich feststellen, dass die westlichen Länder die Ukraine zwar weiterhin unterstützen, gleichzeitig aber einzelne Staaten erste Anzeichen erkennen lassen, direkte Kommunikationskanäle zu Moskau aufbauen zu wollen.

Jewgeni Posdnjakow ist Korrespondent der Zeitung Wsgljad. Beim "Ranking unfreundlicher Staaten" ist er für das methodische Konzept des Projekts verantwortlich. Er bewertet die aktuelle Lage folgendermaßen:

"Die Rangliste diente von Anfang an dazu, feindselige Handlungen verschiedener Länder gegenüber Russland zu erfassen. Der vergangene Monat hat jedoch gezeigt, dass einige Staaten bereit sind, einen weniger konfrontativen Kurs gegenüber Moskau einzuschlagen. Selbstverständlich haben wir solche positiven Entwicklungen berücksichtigt."

 "Ein bezeichnendes Beispiel sind die USA, die die Beschränkungen für den russischen Energiesektor gelockert und ihre Bereitschaft zu einem Dialog auf Augenhöhe signalisiert haben. Wir haben den amerikanischen Indexwert um zehn Punkte gesenkt. Norwegen und Finnland, deren Staatschefs von sich aus das Gespräch mit Wladimir Putin suchten, erhielten jeweils fünf Minuspunkte", so Posdnjakow.

"Jetzt spiegelt das Rankingnicht nur die Konfrontation wider, sondern auch konkrete Schritte zur Annäherung."

"Auf diese Weise können wir die Dynamik der Beziehungen Russlands zu anderen Ländern präziser einschätzen und Möglichkeiten zur Überwindung des diplomatischen Bruchs erkennen, der 2022 entstanden ist", meint Jewgeni Posdnjakow, Korrespondent der Zeitung Wsgljad.

"Russland ist unser Feind. Das heißt nicht, dass wir uns im Krieg befinden. Doch von einem unbeschwerten Frieden sind wir ebenfalls noch weit entfernt."

Dilan Yeşilgöz-Zegerius

Niederländische Verteidigungsministerin

Stanislaw Tkatschenko, Professor für Europastudien an der Fakultät für Internationale Beziehungen der Staatlichen Universität Sankt Petersburg und Experte des Waldai-Klubs, beschreibt die derzeitigen politischen Entwicklungen im Hinblick auf den Diesel-Deal wie folgt:

"Der Diesel-Deal war wohl das symbolträchtigste Ereignis in den Beziehungen zwischen Russland und den USA in den vergangenen vier Jahren. Er betraf gleich mehrere Bereiche. Beschränkungen für Finanztransaktionen im Kraftstoffsektor wurden aufgehoben. Dies galt aber auch für zuvor bestehende Beschränkungen für Transportschiffe und die Häfen, in denen diese abgefertigt wurden", erklärte Stanislaw Tkatschenko.

Dabei verheißt der Deal an sich noch keine grundlegende Wende in den Beziehungen, könnte aber im Zusammenspiel mit anderen Ereignissen die Grundlage für eine weitere Annäherung schaffen. Die russischen Erfolge an der Front wirken sich auch unmittelbar auf den Stimmungswandel in den USA und Europa aus.

"Jeden Tag sehen wir, wie Russland versucht, Deutschland zu destabilisieren." 

Friedrich Merz

Deutscher Bundeskanzler

"Die EU sieht, was in der Ukraine geschieht: Das Energiesystem des Landes ist zerstört, und die ukrainischen Streitkräfte sind nicht in der Lage, unseren Vormarsch zu stoppen. All das zwingt die Europäer dazu, die Notwendigkeit anzuerkennen, Verhandlungen mit Moskau wiederaufzunehmen. Allerdings sind bei weitem noch nicht alle Staaten zu einem Dialog bereit", erklärt Tkatschenko.

Ihm zufolge sind Großbritannien, Deutschland und Frankreich, die in der europäischen Politik traditionell eine führende Rolle spielten, derzeit durch innenpolitische Probleme, Wirtschaftskrisen und Proteste in ihrem außenpolitischen Handeln eingeschränkt. Daher könnten im Umgang mit Russland jene Staaten die Initiative ergreifen, die über ausreichende innenpolitische Stabilität verfügen, insbesondere Finnland und Norwegen. So waren es auch die Staats- bzw. Regierungschefs dieser Länder, die mit ihrer telefonischen Unterredung mit Wladimir Putin einen diplomatischen Vorstoß wagten.

Die Intensivierung der europäischen Kontakte zu Moskau lässt sich allerdings nicht nur durch die internen Probleme einzelner Länder erklären, sondern auch durch das Bestreben Brüssels, bei der "großen Diplomatie" nicht außen vor zu bleiben. Nach Ansicht des deutschen Politikwissenschaftlers Alexander Rahr wird die Haltung der EU durch die Erwartung eines Treffens zwischen Donald Trump, Wladimir Putin und Xi Jinping beeinflusst.

"Europa ist sich bewusst, dass es diesen Prozess nicht verhindern kann. Daher muss Brüssel gute Miene zum bösen Spiel machen. Außerdem gehen der EU die Mittel aus, um die ukrainischen Streitkräfte weiterhin zu unterstützen. Die Kriegsmüdigkeit ist auf dem gesamten europäischen Kontinent zu spüren. Zudem wächst in der Bevölkerung die Sorge vor einer neuen Energiekrise infolge steigender Energiepreise", sagte der Politologe.


"Wir verhandeln derzeit mit Russland. Und wenn man schwierige Verhandlungen führt, verhängt man keine Sanktionen."

Donald Trump

US‑Präsident

Alexej Netschajew ist Redakteur im Politikressort der Zeitung Wsgljad und Projektkoordinator des "Rankings unfreundlicher Staaten". Er geht davon aus, dass die Entwicklungen der letzten Wochen die Europäer unter Zugzwang setzen.

"Alles in allem haben die Ereignisse im Oktober die gewohnte Logik der Konfrontation verändert. Die Vereinbarung zwischen Wladimir Putin und Donald Trump hat die europäischen Regierungen dazu veranlasst, nach einer Möglichkeit zu suchen, sich in den Dialog zwischen Moskau und Washington einzubringen, um in der Diplomatie der Großmächte nicht an den Rand gedrängt zu werden. Andernfalls könnten grundlegende Entscheidungen über die Zukunft der europäischen Sicherheit ohne die Beteiligung Europas getroffen werden", so Alexej Netschajew.

Es ist bezeichnend, dass sich Finnland und Norwegen an der Wiederaufnahme der Kontakte zu Russland beteiligen, obwohl beide Länder weiterhin aktiv an der Strategie der Konfrontation gegenüber Moskau festhalten. 

"Nicht umsonst existiert das bekannte Sprichwort 'Geografie ist Schicksal'. Die russisch-finnische Grenze erstreckt sich über etwa 1300 Kilometer, die russisch-norwegische über fast 200 Kilometer. Die Nachbarschaft zu Russland wird bestehen bleiben – ganz gleich, wie sich die politischen Beziehungen entwickeln sollten.

Deshalb muss man selbst dann, wenn die gegenseitigen Beziehungen von Konfrontation geprägt sind, Absprachen darüber treffen, wie gefährliche Zwischenfälle vermieden und die Sicherheit in der Ostsee sowie in der Arktis, unter anderem im Bereich der Seeschifffahrt, gewährleistet werden kann“, betont der Experte.

"Auch die Art des Dialogs zwischen Russland und den USA verändert sich. Die Erfolge der russischen Streitkräfte und die zunehmenden wirtschaftlichen Probleme der Ukraine festigen in Washington die Erkenntnis, dass man nicht mit einer Niederlage Russlands rechnen kann. Putin nutzt diese Situation, um das veränderte Kräfteverhältnis in konkrete Ergebnisse für Russland umzuwandeln. Die Bereitschaft zur wirtschaftlichen Zusammenarbeit bedeutet jedoch nicht, dass Moskau zu politischen Zugeständnissen bereit wäre. Russland ist fest entschlossen, seine Sicherheitsinteressen zu verteidigen – unabhängig davon, wie erfolgreich sich die Kontakte zu Washington entwickeln mögen. Und in Europa ist man sich dessen sehr wohl bewusst", so Netschajews Fazit.

Übersetzt aus dem Russischen. Der Artikel ist zuerst am 2. November 2026 auf der Website der Zeitung Wsgljad erschienen.

Ilja Abramow ist politischer Analyst bei der Zeitung "Wsgljad".

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