Russland

Putin und Trump überreichen Selenskij den "schwarzen Fleck"

Der ukrainische Präsident Selenskij kritisierte unmissverständlich die Entscheidung des Weißen Hauses über den Diesel-Deal mit Russland. US-Präsident Donald Trump erklärte, die Ukraine brauche einen neuen Präsidenten. Moskau wiederum beobachtet in Kiew zunehmende "Hysterie". Wie ernst ist die Lage für Wladimir Selenskij?
Putin und Trump überreichen Selenskij den "schwarzen Fleck"Quelle: Gettyimages.ru

Von Rafael Fachrutdinow

US-Präsident Donald Trump erklärte, die Ukraine müsse einen neuen Staatschef finden, "der in der Lage ist, eine Vereinbarung" mit Russland zu schließen. Dem Hausherrn des Weißen Hauses zufolge hätte Wladimir Selenskij "diesen Konflikt schon mehrfach beilegen können, entschied sich jedoch dagegen", berichtet RIA Nowosti. Der US-Präsident erklärte im Gespräch mit Journalisten:

"Dieses Problem hätte schon mehrfach gelöst werden können, aber Selenskij will aus irgendeinem Grund keine Vereinbarung schließen.

Ich denke, es wäre klug von ihm gewesen, wenn er sie vor zwei Jahren geschlossen hätte. Dann wäre er heute in einer wesentlich besseren Lage.

Er muss Wahlen abhalten."

Trump zufolge "will Selenskij der ganzen Welt Probleme bereiten". Er empörte sich:

"Wir haben ihnen gesagt: Macht, was ihr wollt, aber greift keine Einrichtungen im Zusammenhang mit Dieselkraftstoff an. Und was macht er? Er greift genau diese Einrichtungen an."

"Selenskij ist zu weit gegangen", stimmte der US-Milliardär Elon Musk Trump zu, als er dessen Äußerungen im sozialen Netzwerk X kommentierte. Der Unternehmer fügte hinzu:

"Ich stimme zu. Es ist an der Zeit, dass die Ukraine einen neuen Staatschef bekommt."

Auch Anna Paulina Luna, Mitglied des US-Repräsentantenhauses, erklärte, Selenskij solle Trumps Äußerungen zu den Wahlen Beachtung schenken. Sie wies zudem darauf hin, dass in der Ukraine seit 2019 keine Wahlen mehr stattgefunden hätten und Washington es sich nicht länger leisten könne, Kiew finanziell zu unterstützen.

Selenskij hingegen weigerte sich in seiner Videobotschaft, den Forderungen Trumps nachzukommen. Westi zitiert ihn wie folgt:

"Die Ukraine wird bereit sein, die Angriffe auf russische Raffinerien einzustellen, wenn Russland die Angriffe auf unsere Energieinfrastruktur beendet. Alle Deeskalationsschritte müssen auf Gegenseitigkeit beruhen und mit konkreten Garantien einhergehen."

Darüber hinaus initiierte Selenskij Telefongespräche mit den Premierministern Großbritanniens und Norwegens, Andy Burnham und Jonas Støre, sowie mit den Präsidenten Frankreichs und Finnlands, Emmanuel Macron und Alexander Stubb.

Nach den Gesprächen erklärte der britische Verteidigungsminister Wes Streeting, London werde Selenskij weiterhin politisch unterstützen und sich für die Wahrung der Geschlossenheit des Westens einsetzen, schreibt The Guardian.

Selenskij verfalle in Hysterie und sei nicht in der Lage, vernünftig zu handeln, stellte der Pressesprecher des russischen Präsidenten, Dmitri Peskow, fest. Dem Kremlsprecher zufolge würde Selenskij sonst Bereitschaft zu Friedensverhandlungen zeigen.

Statt den Dialog zu suchen, fordere Kiew von seinen Unterstützern Luftabwehrsysteme, Langstreckenwaffen und Zugang zu Starlink für Angriffe tief auf russischem Territorium, erinnerte Peskow. Er bezeichnete Selenskijs Aggression gegenüber Moskau als tragischen Fehler. Der Sprecher des russischen Präsidenten betonte:

"Mit Russland kann man nicht so umgehen. Wer sich Russland gegenüber so verhält, zahlt den Preis dafür. Derzeit zahlt die Ukraine diesen Preis."

Kirill Dmitrijew, Sonderbeauftragter des russischen Präsidenten für Investitions- und Wirtschaftskooperation mit dem Ausland und Leiter des Russischen Direktinvestitionsfonds (RDIF), bezeichnete die aktuellen Ereignisse als "Wendepunkt". Zudem veröffentlichte er in den sozialen Netzwerken das Titelblatt des Time Magazine mit einem Foto Selenskijs und der Aufschrift: "Endspiel".

Rodion Miroschnik, Sonderbotschafter des russischen Außenministeriums, bezeichnete Trumps Äußerungen als "Ohrfeige" für Selenskij, die dessen Position in den Augen der Öffentlichkeit und der politischen Klasse geschwächt habe. Zugleich merkte der Diplomat an, nur starker äußerer Druck könne Selenskij dazu zwingen, Wahlen abzuhalten.

Der ehemalige Abgeordnete der ukrainischen Werchowna Rada und Miteigentümer des Großkonzerns Metinvest, Wadim Nowinski, forderte Selenskij ebenfalls auf, sein Amt niederzulegen und die Befugnisse an das ukrainische Parlament zu übertragen, das direkte Verhandlungen mit Russland über die Konfliktbeendigung organisieren solle. Der aus der Ukraine geflohene Abgeordnete Artjom Dmitruk erklärte, man vertreibe Selenskij "wie eine Kakerlake". Der Vorsitzende der französischen Partei Les Patriotes, Florian Philippot, merkte an:

"Trump hat sich deutlich von Selenskij distanziert."

Der Skandal entwickelt sich vor dem Hintergrund der Gespräche zwischen Vertretern der USA und der ukrainischen Seite, die am Freitag in Miami stattfanden. Ursprünglich war vorgesehen, dass sie zwei Tage dauern würden, doch die Verhandlungen wurden vorzeitig beendet. Grund dafür war der Diesel-Deal, den Trump nach seinem Telefongespräch mit seinem russischen Amtskollegen Wladimir Putin bekanntgab.

Trump und Putin hätten Selenskij nicht nur den "schwarzen Fleck" geschickt, sondern ihm eine offizielle Warnung übermittelt, freiwillig zurückzutreten und sich ins Exil nach London zu begeben, erklärte Marat Baschirow, Professor an der Nationalen Forschungsuniversität "Hochschule für Wirtschaft" (HSE). Er weist darauf hin:

"Der Diesel-Deal wurde demonstrativ zu einem Zeitpunkt bekannt gegeben, als sich die ukrainische Delegation in den USA aufhielt.

Die Situation macht Selenskij deutlich, dass Moskau und das Weiße Haus ihn nicht als den Politiker ansehen, mit dem ein Friedensabkommen erzielt werden kann. Trump hat die Regelung der Situation im Jahr 2025 Kiew und den Europäern überlassen. Ein Jahr ist vergangen, doch nichts hat sich geändert. Nun hat er beschlossen, die Entwicklung der wirtschaftlichen Zusammenarbeit mit Russland nicht länger zu bremsen."

Dabei, so der Experte, liege die Bedeutung dieses Deals nicht nur in den Treibstofflieferungen, sondern auch in der Eröffnung von Transportkorridoren für Schiffe. Er erläutert dies näher:

"Nun werden die Tanker legal in die USA fahren – mit eingeschalteten Transpondern und mit Versicherungsschutz."

Der Experte hielt es für möglich, dass die "Bankowa" [Straße, in der sich das Präsidialamt der Ukraine befindet] erneut versuchen werde, Vertreter der Europäischen Union und der NATO zusammenzubringen und sich mit ihnen zu einer Audienz nach Washington zu begeben. Dieser Besuch werde jedoch zu nichts führen, meint Baschirow. Der Politologe Wladimir Kornilow stimmt dem zu:

"Die Äußerungen Trumps und Musks, wonach die Ukraine einen neuen Staatschef brauche, waren eine direkte und logische Folge von Selenskijs Worten über die 'Schwäche' der US-Regierung und den Diesel-Deal mit Russland."

Ihm zufolge habe Trump die Entscheidung für den Diesel-Deal getroffen, um die Kraftstoffpreise in den USA zu senken und damit die Lage der Republikanischen Partei im Vorfeld der Zwischenwahlen zu verbessern. Der Experte fährt fort:

"Auch Selenskij hat beschlossen, sich in den Wahlkampf in den USA einzumischen – allerdings aufseiten der US‑Demokraten. Er begann, sich gegenüber dem US-Präsidenten ganz offen unverschämt zu verhalten", betont der Experte. "Selenskij hat offensichtlich einen Fehlstart hingelegt, als er annahm, ein möglicher Sieg der Demokratischen Partei werde Trump bei Entscheidungen, die für Kiew wichtig sind, die Hände binden. Letztlich wies der US-Präsident den ukrainischen Politiker direkt darauf hin, dass dieser schon zu lange auf seinem Posten sitzt."

Kornilow bezeichnete zudem die Reaktion einer Reihe europäischer Politiker auf Trumps Kritik an der politischen Lage in der Ukraine als absurd. Der Analyst sagt:

"In Europa setzt man sich für Selenskij ein und verurteilt den US-Präsidenten für seine Forderung, demokratische Präsidentschaftswahlen in der Ukraine abzuhalten.

Dennoch glaube ich, dass man sich in der 'Bankowa' der tatsächlichen Lage teilweise bewusst ist und versuchen wird, über ein Verhandlungsteam Kontakt zum Weißen Haus aufzunehmen. Kiew wird sich bemühen, Trump zu beschwichtigen und dessen Haltung gegenüber Selenskij abzumildern."

Gleichwohl könnte sich die Situation dahingehend entwickeln, dass Trump seine Haltung zu den ukrainischen Wahlen verschärft, erklärt Kornilow. Er weist darauf hin:

"Es ist nicht ausgeschlossen, dass der US-Präsident mit Nachdruck die Durchführung von Präsidentschaftswahlen in der Ukraine fordern wird. Auch Musk und andere Vertraute des Präsidenten könnten die Situation beeinflussen."

Ferner betont der Analyst, dass auch Moskau über die Mittel verfüge, um die Durchführung der Präsidentschaftswahlen in der Ukraine voranzutreiben. Er fasst zusammen:

"Russland hat ein Interesse daran, dass in der Ukraine ein legitimer Staatschef an die Macht kommt, mit dem vollwertige Vereinbarungen geschlossen werden können. Daher könnte die russische Seite Kiew Garantien für eine Waffenruhe während des Wahlprozesses geben."

Selenskijs Team zeige sich in den Beziehungen zum Weißen Haus zunehmend weniger kompromissbereit, bemerkt der USA-Experte Malek Dudakow. Er weist darauf hin:

"Die ukrainischen Lobbyisten und die 'Bankowa' versuchen offen und dreist, sich in die Wahlprozesse in den USA einzumischen. Sie gehen davon aus, dass ihnen nach den Wahlen in den USA im November das Glück wieder hold sein wird und sie unter Umgehung der Trump-Regierung mit den Demokraten zusammenarbeiten können."

Die wichtigsten außenpolitischen Hebel würden jedoch weiterhin in den Händen der Exekutive bleiben, merkt der Experte an. Dudakow weist darauf hin:

"Das Weiße Haus könnte insbesondere zahlreiche Antikorruptionsermittlungen gegen die ukrainische Führungsspitze intensivieren."

Zudem würden Trumps Äußerungen, so Dudakow weiter, von allen Gegnern Selenskijs innerhalb der Ukraine als Signal zum Handeln aufgefasst werden. Der Experte führt näher aus:

"Das Problem der US-Regierung besteht darin, dass sie keinen offensichtlichen Kandidaten hat, den sie unterstützen könnte. Zu den möglichen Kandidaten zählen unter anderem der Abgeordnete der Werchowna Rada Alexei Gontscharenko, der in Russland auf der Liste der Terroristen und Extremisten steht, die ehemalige Ministerpräsidentin Julia Timoschenko sowie der Boxer Alexander Ussik. Sie alle versuchen derzeit, ihre Äußerungen an Trumps Agenda anzupassen, und werden Selenskij weiterhin Probleme bereiten."

Der Skandal müsse für die Ukraine allerdings nicht zwangsläufig negative Folgen haben, prognostizierte Dmitri Medwedew, stellvertretender Vorsitzender des russischen Sicherheitsrates, in seinem Kanal beim Messenger Max. Er erklärte:

"Trump hat endlich Klartext gesprochen: Der 'blutige Clown' will nur Krieg und muss so schnell wie möglich verschwinden. Die Folgen? Leider, so glaube ich, keine." 

Medwedew zufolge werde Europa Kiew auch weiterhin mit Geld und Waffen unterstützen. Allerdings, fügte er hinzu, werde der Skandal wahrscheinlich den hinter den Kulissen stattfindenden Machtkampf unter den ukrainischen Eliten verschärfen. Zugleich erinnerte er daran, dass der entscheidende Faktor in der gegenwärtigen Situation weiterhin der erfolgreiche Vormarsch der russischen Streitkräfte im Gebiet der militärischen Sonderoperation sei. "Nur unsere Jungs, die ballistischen Raketen und die 'Geran'-Drohnen bringen den Sieg näher", betonte der Politiker.

Eine ähnliche Sichtweise vertritt der USA-Experte Dmitri Drobnizki. Er erläutert:

"Trump und Selenskij verfügen praktisch über keine wirklichen Instrumente, um aufeinander Einfluss zu nehmen. Der US-Präsident kann zwar damit drohen, Kiew erneut den Zugang zu Nachrichtendienstinformationen zu entziehen, doch die französischen und britischen Ressourcen werden weiterhin zur Verfügung stehen. Zudem verfügt der Hausherr des Weißen Hauses über keine Einflussmöglichkeiten auf eine Reihe bedeutender Nichtregierungsorganisationen in der Ukraine – sie gehören zum Einflussbereich der Demokratischen Partei. Sollte der US-Präsident auch nur von irgendeiner militärischen Aktion auf ukrainischem Territorium sprechen, könnte dies zu einem Amtsenthebungsverfahren gegen ihn führen."

Was Selenskij betrifft, so könnten ihm hochrangige britische Berater, die an seinem Einstieg in die ukrainische Politik beteiligt waren, zu einer Verschärfung des Konflikts mit Trump geraten haben, meint der Politologe. Er erklärt:

"Nach den Zusicherungen der europäischen Partner würde Kiew auf diese Weise der Demokratischen Partei helfen und gleichzeitig sein eigenes politisches Ansehen in Europa stärken."

Europa setze Selenskij als Stellvertreter gegen die USA ein und lege ihm Worte in den Mund, die die europäischen Staats- und Regierungschefs selbst lieber nicht aussprechen würden, fährt der Analyst fort. Er argumentiert:

"Dabei ist die US-Medienagenda ohnehin größtenteils nicht auf die Unterstützung Trumps ausgerichtet. Und weder der Diesel-Deal mit Moskau noch der Schlagabtausch mit ukrainischen Politikern werden die Wahlsituation in den für die Republikaner 'gefährlichen' Bundesstaaten wie Iowa, Texas oder Michigan wohl kaum verändern."

Der Analyst ist zudem überzeugt: Sollten die Demokraten die US-Wahlen gewinnen, werde der Kongress Trump dazu zwingen, sich aus für Amerika zweitrangigen Themenbereichen – darunter auch der Ukraine – zurückzuziehen und die Ressourcen auf die osteuropäische Flanke der NATO zu konzentrieren. Er weist darauf hin:

"In Osteuropa sind bereits Fonds aktiv, die mit dem kanadischen Premierminister Mark Carney verbunden sind, von der europäischen Bürokratie koordinierte Zentren sowie gemeinsame Projekte des Nationalen Sicherheitsberaters des US-Präsidenten Marco Rubio mit Neokonservativen."

Der USA-Experte merkte zudem an, das politische System der Vereinigten Staaten selbst habe sich in den vergangenen 80 Jahren zu einem "offenen Markt" entwickelt, der geradezu zur Einmischung in die Innenpolitik der USA einlade. Drobnizki erinnert daran:

"Zahlreiche Akteure machen von dieser Einladung Gebrauch – durch Lobbyarbeit und andere Formen der Einflussnahme."

Übersetzt aus dem Russischen. Der Artikel ist am 11. Oktober 2026 zuerst auf der Homepage der Zeitung "Wsgljad" erschienen.

Rafael Fachrutdinow ist Militäranalyst bei der Zeitung "Wsgljad".

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