
Jahrestag des Anwerbeabkommens: Arbeitskräfte, der Kalte Krieg und die Atomraketen

Von Dagmar Henn
Wer auch immer die Rede für Bundeskanzler Friedrich Merz geschrieben hat, die dieser zum Jahrestag des Anwerbeabkommens mit der Türkei vorgetragen hat, er hat sich bemüht, in gut merkelscher Art alles im Ungefähren zu lassen. Insbesondere die politischen Umstände, die zum Abschluss dieses Abkommens geführt haben.
Ein Detail hatten alle diese Abkommen gemeinsam, deren erstes bereits 1955 mit Italien geschlossen wurde: Alle Entsendeländer hatten ein Interesse daran, junge Männer loszuwerden, die dort als Arbeitslose für soziale Unruhen hätten sorgen können. Das war in der Türkei nicht anders. Die Initiative für diese Abkommen ging, das stellt sogar die Bundeszentrale für politische Bildung (BPB) so dar, überwiegend von den Herkunftsländern aus. Das waren im Zeitraum bis 1973, als die Anwerbung beendet wurde, auch noch Spanien, Griechenland, Portugal, Marokko, Tunesien, Südkorea und Jugoslawien.

Bei der Türkei gab es aber noch einen Mitspieler, der darauf drängte, junge türkische Männer nach Deutschland zu holen. Das waren die Vereinigten Staaten. Die hatten, noch mit der zivilen Regierung Menderes (die übrigens deutlich reaktionärer war als die Militärjunta, die sie 1960 wegputschte), einen Vertrag über die Stationierung von Atomraketen geschlossen, der letzten Endes zur Kubakrise 1962 führen sollte (tatsächlich waren die Jupiter-Raketen etwa zeitgleich mit dem Abschluss des Abkommens einsatzbereit). Es gab also ein massives geopolitisches Interesse daran, die Türkei, die zur damaligen Zeit unter einer Wirtschaftskrise mit extremer Inflation litt, zu stabilisieren, durch den Export junger Männer ebenso wie durch die zu erwartenden Devisenüberweisungen an die Heimat.
"Die westdeutschen Bundesregierungen hatten zunächst keine Notwendigkeit gesehen, auch mit der Türkei ein Anwerbeabkommen zu schließen. Aus außenpolitischen Gründen – die Türkei sicherte die Südost-Flanke der NATO – entschied man sich anders." So die historische Darstellung der BPB. Ein Detail, das der Bundeskanzler nicht kennt.
In den ersten Jahren waren es übrigens gar nicht viele türkische Arbeitskräfte, und die meisten von ihnen kamen aus den Großstädten und waren qualifizierte Facharbeiter. 1961 waren es ganze 1.476. Erst von 1969 bis 1973 explodierten die Zahlen. Im November 1973 wurde die Anwerbung beendet. Davor kamen in diesem Jahr 251.520 Türken nach Deutschland. Die kamen allerdings schon längst nicht mehr aus den Großstädten, sondern direkt vom Land, und arbeiteten weit überwiegend als Ungelernte.
Das Anwerbeabkommen ist aber, samt Familiennachzug, nur für einen Teil der türkischen Migration nach Deutschland verantwortlich, und da ist schon die nächste historische Lücke in Merzens Wohlfühlgeschichte.
Denn 1980 waren es plötzlich wieder 58.073 türkische Staatsbürger, die kamen. Jetzt aber nicht mehr als Arbeitskräfte, sondern bereits unter dem Titel, unter dem sich in den folgenden Jahrzehnten der Großteil der Einwanderung abspielte, als Asylbewerber. Im September 1980 hatte ein Militärputsch stattgefunden. Wieder einmal für die Südflanke der NATO, gelenkt von den USA und von der Bundesregierung sofort anerkannt und massiv mit Waffenlieferungen gestützt. In diese Phase fällt auch die Buhlschaft des bayerischen CSU-Ministerpräsidenten Franz Josef Strauß mit den türkischen Grauen Wölfen – und eine Förderung von Strukturen wie Moscheen, die aus der Türkei kontrolliert wurden. Alles im Interesse der geopolitischen Kontrolle über die Türkei.
Es war also die Bundesregierung, die, um die türkische Militärregierung zu stärken, die Strukturen stützte, die letzten Endes 1984 in der Gründung der DITIB, der deutschen Niederlassung des türkischen Religionsministeriums, gipfelten, die direkt dem Religionsattaché der türkischen Botschaft untersteht. Das, was später oft als massives Integrationshindernis beklagt wurde, wurde von der Regierung Kohl aus geopolitischen Erwägungen mitgetragen. Man sah in den linken türkischen Organisationen die Gefahr, nicht in einer Stärkung der islamischen Bindung. Wie bei der Entstehung des Anwerbeabkommens selbst: Die Machtpolitik der NATO ist wichtiger als die Frage, wie die Menschen gut zusammenleben können. DITIB betreibt heute mit 850 bis 900 Moscheegemeinden etwa ein Drittel aller in Deutschland bestehenden Moscheen.
Dass die Arbeitswelt in Deutschland alles andere als freundlich war, sobald man sich von den großen Fabriken wie Ford in Köln entfernte, beschrieb der Journalist Günter Wallraff 1985 in seinem Bestseller "Ganz unten", in dem er in die Welt der Reinigungskräfte und illegalen Arbeiter eintauchte, in das Netz der Sub- und Subsubunternehmer, in dem die Beschäftigten jenseits von Arbeitsrecht und Arbeitsschutz ausgebeutet werden. Auch das natürlich kein Thema für Bundeskanzler Merz bei seiner Rede. Dass Wallraff seine Recherche als getürkter Türke machte, brachte sogar das Verb "wallraffen" in den deutschen Wortschatz. Sein Buch war ein Beleg für die verborgenen Schattenseiten der aus heutigem Blick so friedlich wirkenden 1980er.
Wobei, auch das erwähnt Merz selbstverständlich nicht, es dann die Annexion der DDR war, die gewissermaßen den Durchbruch darstellte, was die Sicht der damaligen westdeutschen Mehrheitsgesellschaft auf die türkischen Migranten betrifft. Denn die Ostdeutschen, die waren doch noch viel fremder, da schrumpfte die Distanz zu den türkischen Nachbarn. Und die gut finanzierte und staatlich organisierte Fremdenfeindlichkeit, die im Annexionsgebiet auf die Füße gestellt wurde, unterstrich es noch einmal, dass im Westen doch die Guten lebten. Letzten Endes ist das seither die Haltung der West-Eliten und ihrer Anhängerschaft geblieben. Niemand ist fremder als die aus dem Osten.
Übrigens, sehr viele der Spanier, der Griechen, der Portugiesen sind zurückgegangen, in einem höheren Anteil als bei den Türken. Das lag daran, dass sie theoretisch die Chance hatten, für eine neue Beschäftigung zurückzukehren, insbesondere, nachdem sich die EWG-Länder weiter aneinander annäherten. Was mit der Türkei auch so geschehen wäre, wäre deren EU-Beitrittsantrag nicht seit 1987 in einer unendlichen Warteschleife. Seit der Fluchtwelle nach dem Militärputsch 1980 brauchten Türken zur Einreise ein Visum. Die Endgültigkeit einer Rückkehr hielt viele davon ab, in die Türkei zurückzugehen.
80 Prozent von 600.000 Spaniern kehrten zurück, 70 Prozent von 4 Millionen Italienern, 50 Prozent von 650.000 Griechen, aber nur 40 Prozent der bis 1985 eingereisten 900.000 Türken.
Zwei Drittel aller aus der Türkei Eingewanderten kamen letztlich nicht als Arbeitskräfte, sondern durch den Familiennachzug. Das waren mindestens 800.000 Personen. 450.000 kamen in der Zeit nach 1973 als Flüchtlinge, ein großer Anteil davon Kurden.
Es ist erstaunlich, dass der hohe Anteil an Rückkehrern bei anderen Gruppen von Migranten nie erwähnt wird. Genauso wenig wie der Anteil, den deutsche geopolitische Interessen an den Schwierigkeiten der Integration hatten. Oder auch die elenden Arbeitsbedingungen, von denen Günter Wallraff schrieb.
Nein, laut Merz brauchte Deutschland Arbeitskräfte, und die kamen, und dann blieben sie. Und natürlich spricht er vom "Unwort Remigration". Und "wir müssen die Integrationsgeschichte der Bundesrepublik fortschreiben, weil nur eine funktionierende Aufstiegsgesellschaft unseren Wohlstandsmotor am Laufen hält".
"Deutsche und Türken, wir haben 65 Jahre miteinander gelernt, eine offene, eine plurale Gesellschaft zu sein." Ja, alles ist gut. Aber man möchte doch auch den Deutschtürken einen guten Rat geben: Schaut euch an, wie gerade mit der anderen großen Minderheit in Deutschland verfahren wird, der russischsprachigen. Die wurde ursprünglich noch weitaus bereitwilliger aufgenommen – inzwischen aber sind Russen schließlich das Böse an sich, und die kontinuierliche Predigt der "Kriegstüchtigkeit" verschärft das immer weiter. Es bleibt, wie es schon beim Anwerbeabkommen war, die Geopolitik schlägt alles, und sollte es auf dieser Ebene einen Konflikt mit der Türkei geben, hat sich das mit der "offenen, pluralen Gesellschaft" schnell erledigt. Unter vollem Einsatz aller Massenmedien – und mit Sicherheit auch des Bundeskanzlers.
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