Meinung

Realitätsverlust in Medien und Kommentarspalten: Deutschland glaubt, Russland hätte kein Diesel

Die deutschen Mainstreammedien haben ihre Leser und Zuschauer über Jahre systematisch über Russland und die Ukraine fehlinformiert. Deshalb muss es nicht wundern, dass Millionen Deutscher an ein Zerrbild glauben, das mit der Realität nichts zu tun hat.
Realitätsverlust in Medien und Kommentarspalten: Deutschland glaubt, Russland hätte kein DieselQuelle: RT © Collage durch KI, Bild links urheberrechtlich geschützt, Bild rechts Kirill Kallinikow / RIA Nowosti

Von Igor Malzew

"Ich habe gerade mein Auto für umgerechnet 14.600 Rubel vollgetankt", schreibt mir eine Freundin aus Berlin. Anmerkung der Redaktion: Rückumgerechnet sind es rund 153 Euro. In Moskau würde das Tanken von 70 Litern Diesel aktuell etwas mehr als ein Drittel kosten, etwa 5.600 Rubel. Ja, sie fährt einen Volkswagen Passat 2.0 mit Dieselmotor und einem 70-Liter-Tank – das praktischste Auto unter der breiten Bevölkerung in Deutschland, trotz Elektroautos und der Fülle an chinesischen, unaussprechlichen Marken. "Unsere Chefs sind Idioten, Trump hat ihnen gerade den Rest gegeben."

All das spielt sich vor dem Hintergrund der Diskussion um genau dieses Abkommen ab.

Aber meine Freundin ist in Moskau aufgewachsen, sie versteht die Zusammenhänge. Und dann schlage ich die dortigen Zeitungen auf – Welt, Zeit, Tagesspiegel – so alltäglich wie ein VW Passat – und lese das Interessanteste: die "Meinung des Volkes". Und mir wird klar, dass ich gar nichts verstehe: Der deutsche Leser lebt in einer frei erfundenen Welt.

Es war schon vorher klar, dass das Informationsbild ziemlich verzerrt ist, aber in den deutschen Medien herrscht ein völliger Realitätsverlust. "Die Russen und Trump bluffen. Russland hat keinen eigenen Treibstoff. Sie kaufen Diesel teuer in Indien und verkaufen ihn billig an Amerika" – so lautet der Tenor der Kommentare. Warum soll das so sein? "Die Ukrainer haben in Russland mehr als die Hälfte der Raffinerien zerstört – da kann es bei ihnen gar keinen Diesel geben", "Die Ukraine gewinnt, diese paar Liter Diesel bringen überhaupt nichts, aber Trump ist glücklich". Und weiter: "Trump ist bereit, ein ganzes Land für einen Dieselvorrat von ein paar Tagen zu opfern". Und außerdem isst er Kinder zum Frühstück.

Fassen wir zusammen: Man hat ihnen wirklich eingeredet, dass

a) die Ukraine am Gewinnen ist,
b) der russische Brennstoff- und Energiesektor in Trümmern liegt,
c) Trump ein Mistkerl und Feind ist und
d) man noch mehr Geld in die Ukraine schicken muss, um Berlin zu schützen.

Die wenigen Stimmen der Vernunft – "Warum einigt sich die deutsche Regierung nicht mit den Russen, damit wir den Amerikanern nicht das Dreifache für Gas und alles andere zahlen müssen? Wir hatten doch alles? Warum müssen wir wegen der Ukraine 2,32 Euro für Diesel bezahlen?" – werden sofort als "Kreml-Bots" oder "AfD-Nazis" abgestempelt.

Und niemand stellt oder beantwortet die Frage, warum Merz letzte Woche erneut Geld an das Land gegeben hat, das die Nord-Stream-Pipelines gesprengt hat. Weil sie in einer schizophrenen Realität leben müssen, die ihnen die "öffentlich-rechtlichen" Fernsehsender und "unabhängigen" Zeitungen konstruiert haben. Doch der Organismus wehrt sich unbewusst gegen diesen aufgezwungenen Wahn und lässt den inneren Konflikt in Form von Aggression heraus. Diese Aggression richtet sich gegen Russland. Bingo.

Vielleicht wird eines Tages in Schulbüchern die Rolle der deutschen Medien bei der Auslösung des Dritten Weltkriegs gründlich untersucht werden – falls es noch jemanden gibt, der diese Bücher schreiben kann. Doch heute sehen wir, wie sie für ihr eigenes Volk eine Informationsblase geschaffen haben, in der nicht nur keine anderen Meinungen Platz haben – in der es nicht einmal Platz für objektive Fakten gibt.

Genau zu diesem Zweck wurde Deutschlands Informationsraum so gründlich von jeglicher Präsenz russischer Medien gesäubert – von RT DE und RIA Nowosti bis hin zu privaten Telegram-Kanälen. Genau aus diesem Grund hat Brüssel das "Gesetz zur Bekämpfung von Desinformation" verabschiedet – um das Internet von jeglicher unbequemen Meinung der eigenen Bürger zu säubern.

Erinnern Sie sich daran, wie der Westen zu Zeiten der UdSSR für das "Recht auf Information" gekämpft hat? Er war geradezu der leuchtende, hochmoralische Verfechter der Interessen des einfachen sowjetischen Bürgers – der verfluchte "Sowjetblock" hinderte sie daran, die unbestechlichen, kristallklar ehrlichen Sender Radio Swoboda* und Voice of America* zu hören. Inzwischen hat sich irgendwie alles radikal verändert, und wie sich herausstellt, gibt es gar kein Recht auf Informationsfreiheit, obwohl es in der Liste der Menschenrechte verankert ist. Und die wieder so angesagten Strugazkis mit ihren "Bestrahlungstürmen" wirken gar nicht wie ein Seitenhieb gegen das Zentralfernsehen der UdSSR, sondern wie eine direkte Anklage gegen die aktuellen "moralischen Maßstäbe" Europas.

Doch hier liegt das Problem: Ein moralischer Maßstab ohne billigen Diesel – das gleicht stark der Impotenz. Und ist auch gefährlich: Eine wütende, verdummte Menge lässt sich so leicht an die Ostfront schicken, wie es in der Geschichte schon mal geschehen ist.

Übersetzt aus dem Russischen. Der Artikel wurde für den Telegram-Kanal "Exklusiv für RT" verfasst.

Igor Malzew ist russischer Schriftsteller, Publizist, Journalist und Autor eines Telegram-Kanals. Seit dem 21. April 2026 wird der regelmäßige RT-Gastautor auf EU-Sanktionslisten geführt – ausschließlich für seine Meinung und seine publizistische Arbeit.

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