
Wovor Bismarck die Deutschen einst warnte – Wird der Fußballgott ein besserer Lehrmeister sein?

Von Anton Gentzen
Wer eine Erklärung dafür haben will, warum Deutschland (a) das 19. Jahrhundert so musterhaft gemeistert hatte und (b) im 20. Jahrhundert zu dem Monster wurde, zu dem es eben wurde, lese die Rede Otto von Bismarcks an die preußischen Oberlehrer (im wörtlichen, nicht im übertragenen Sinne) am 8. April 1895. Sie klärt in gewisser Weise auch darüber auf, warum es mit Deutschland aktuell bergab geht.
Die als überschwängliches Lob getarnte Warnung des "eisernen Kanzlers" ist heute wieder vergessen, genau wie im nationalen Rausch der Jahre 1933 bis 1944. 1945 kam damals die Quittung. Dieser Text ist geschrieben, damit es nicht wieder in Trümmern endet.
Bismarck erzählt in besagter Rede, wie er 1871 nach Deutschlands Triumph in Versailles sein Quartier hatte und französische Schulhefte las. Und dann verstand, warum Frankreich den Krieg verloren hatte, und Preußen ihn gewann. O-Ton Bismarck:

"Als ich in Versailles im Quartier lag, habe ich gelegentlich die Schulhefte der Kinder meiner Hauswirte durchgesehen ..."
Das Protokoll vermerkt an dieser Stelle "Heiterkeit" im Publikum. Da bahnt sich schon das Unheil an: Die Warnung hat auch damals nicht jeder verstanden, aber dazu kommen wir noch. Lesen wir erst einmal weiter:
"Als ich in Versailles im Quartier lag, habe ich gelegentlich die Schulhefte der Kinder meiner Hauswirte durchgesehen (Heiterkeit), und da bin ich erstaunt gewesen über die ungeheuerliche geschichtliche Lüge, die in allen französischen höheren Schulen kultiviert wird, von Ludwig XIV. ab bis in die heutige Zeit. Was hat das für Folgen? Dass der junge Franzose von Haus aus ein falsches Bild über die Bedeutung seiner eigenen Nation, über deren Berechtigung zur Macht bekommt und dass er mit einem Hochmut in die Welt tritt, von dem das deutsche Sprichwort sagt, dass er vor dem Fall kommt."

"Lebhaftes Bravo" erschüttert nun den Saal, wie das Protokoll vermerkt. Ihr Toren in Lehrergewändern! Der Kanzler mokiert nicht die Franzosen, er spricht, um euch vor dem zu warnen, was ihr gerade demonstriert!
"Dem gegenüber," fährt Bismarck scheinbar unbeeindruckt fort, "befleißigt sich unsere höhere Schulleitung, soviel ich weiß, der Wahrheit und pflegt unter anderen Eigenschaften, mit denen Gott die deutsche Nation ausgestattet hat, auch die Bescheidenheit (Lebhaftes Bravo!), was ich für in hohem Maße wichtig und nützlich halte. Die Selbstüberschätzung tötet den Erfolg im Keim (Bravo!), und von der halten wir uns fern."
Pech, dass die preußischen Oberlehrer das Lob mitnahmen, aber die Warnung überhörten, und in den Folgejahren genau jenes, was die französischen Lehrer vor ihnen, taten: Nationalen Übermut zu predigen. "Und alles, was seitdem geschah, ist ohne diesen Hinweis nicht zu fassen", wie Erich Kästner ein halbes Jahrhundert später dichtete – nach zwei Weltkriegen, die in dem Glauben begonnen und verloren wurden, ein "Recht auf Kolonien und Lebensraum" zu haben und überhaupt die Weltbesten in allem zu sein.
Und heute? Heute müssen wir nüchtern feststellen, dass Deutsche wieder von Hybris, Selbstüberschätzung und Überheblichkeit befallen sind. Fast scheint es so, dass sie nur dann ein vernünftiges und erträgliches Volk sein können, wenn sie gerade etwas (einen Weltkrieg oder ein Fußballspiel) verloren haben. Die beste Generation der Deutschen jemals war die Generation meines Vaters – die Nachkriegsgeneration. Jetzt, wo sie abtritt, sind wir in jeder Hinsicht dort, wo wir Anfang des 20. Jahrhunderts schon einmal waren.
Ohne Demütigung können Deutsche – liegt es an den Genen, der Luft oder am Essen? – offenbar nicht demütig sein. Dabei ist Demut die allerwichtigste christliche Tugend. Und eine nützliche, wie Bismarck wusste.
Der Fußballgott meint es gut mit uns Deutschen. Nach dem ohrenbetäubenden Jubel über ein 7 : 1 gegen eine kleine Insel, den Weltmeistertitel wähnten viele schon sicher in der Tasche, musste das Ausscheiden gegen Paraguay einfach sein. Aus rein pädagogischen Gründen.
Der Fußballgott meint es gut mit uns Deutschen. Ob er mit seiner Lektion mehr Erfolg haben wird als Bismarck mit seiner?
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