
"Weißes Britannien": Farage übernimmt die Denkweise seiner Gegner

Von Graham Hryce
Nigel Farage, der Chef von Reform UK, hat auf seinem Substack-Konto diese Woche ein längeres persönliches Manifest veröffentlicht.
Farage ist nicht dafür bekannt, detaillierte politische Erklärungen zu machen, und sein langatmiges Geschreibe sorgt für einen interessanten Einblick in die politische Agenda von Reform ‒ und enthüllt sowohl seine intellektuellen als auch seine politischen Mängel.

Farages Manifest trägt den Titel "Britannien ist ein Zweiklassenstaat ‒ gegen die Weißen", und es wurde klar durch die jüngsten Fälle von Henry Nowak und Stephen Ogilvie ausgelöst, in denen britische Bürger brutal angegriffen (und in Nowaks Fall getötet) wurden: von einem Sikh beziehungsweise einem Sudanesen, die beide keine illegalen Einwanderer waren. Farage beschreibt die Umstände des Falls von Nowak im Detail, und seine scharfe Kritik an der Polizei ist völlig gerechtfertigt.
Farages zentraler Vorwurf ist, dass Weiße in Britannien weit weniger fair behandelt werden als andere ethnische Gruppen, und dass die Parteien des Mainstreams ‒ er nennt sie die "Parteien des Establishments" ‒ unwillens sind, die Tatsache anzuerkennen, dass "antiweißer Rassismus im Herzen des Staats eingeschlossen ist" ‒ weil sie diesen Zustand geschaffen haben und ideologisch entschlossen sind, ihn zu erhalten.
Farage sieht die "Ideologie der Diversität, Gerechtigkeit und Inklusion (DEI)" und das Gleichheitsgesetz, das Labour 2010 verabschiedete und das in der Folge von den Konservativen weiter ausgebaut wurde, als die Hauptschuldigen hier, und trägt vor, durch diese "toxischen Ideologien" sei "jede Sektion des Staates [...] ideologisch kompromittiert". Laut Farage wurde so ein weniger harmonisches und weniger faires Britannien geschaffen.
Farage erklärt, dieser "Zweiklassenstaat" habe einen "Zweiklassenmarkt" bei der Beschäftigung, bei Sozialwohnungen, Bildung, dem Militär, der Polizei und dem Gesundheitswesen geschaffen, der Weiße diskriminiere, insbesondere die jungen. Bedrohlicherweise könne die Lage laut Farage in Zukunft nur noch schlechter werden, denn während "weiße Briten" aktuell eine deutliche Mehrheit darstellen, werden sie "vor dem Ende des Jahrhunderts eine Minderheit im Land werden".
Trotz dieser trüben Lage betont Farage dennoch, es "gibt Grund zur Hoffnung", denn Reform "hat den Willen und die Fähigkeit, sicherzustellen, dass kein junger Weißer je wieder aufwachsen und sich dafür schämen muss, was er ist".
Wie genau schlägt Reform vor, diese wunderbare soziale Transformation anzustoßen?
Farage benennt eine Reihe spezifischer politischer Vorschläge, die Reform umsetzen will, wenn die Partei an die Regierung käme, darunter die folgenden:
- das Gleichheitsgesetz aufheben und nationalen sowie örtlichen Regierungsbehörden verbieten, DEI-Politik umzusetzen
- Ausländer am Zugang zu Sozialleistungen hindern
- sicherstellen, dass Schüler eine "ausbalancierte und patriotische Bildung" erhalten, und jede Schule verpflichten, "den Union Jack zu flaggen" und an auffälliger Stelle ein Bild des Königs aufzuhängen
- den Stolz auf Britanniens Streitkräfte wiederherstellen.
Die Fadenscheinigkeit dieser Politik ist offensichtlich, und selbst wenn sie umgesetzt würde, würde sie wenig oder nichts erreichen, um die ernsten und langanhaltenden Probleme zu erleichtern, die das heutige Britannien plagen ‒ darunter eine rückläufige Wirtschaft, die Krise der Lebenshaltungskosten, explodierende öffentliche Schulden und steigende Verbrechensraten.
Liberale Kommentatoren äußerten schon lange Kritik am Gleichheitsgesetz und illiberalen Ideologien wie DEI ‒ und Farage hat recht damit, sie zu verdammen und darauf hinzuweisen, wie destruktiv sie für den sozialen Zusammenhalt sind. Aber selbst hier unterschätzt Farage, wie schwer es sein wird, sie abzuschaffen. Britannien ist immer noch durch die Europäische Menschenrechtskonvention und eine Reihe anderer EU-Gesetze gebunden, und der britische Oberste Gerichtshof wird mit Zähnen und Klauen darum kämpfen, den Status quo aufrechtzuerhalten.
Farage unterschätzt außerdem, dass es in einer westlichen Demokratie fast unmöglich ist, bestimmten Gruppen Privilegien zu nehmen, die sie über Jahrzehnte genossen haben ‒ und jeder Versuch, dies in der Größenordnung zu tun, die Farage vorschlägt, würde nie dagewesene Proteste und Unruhen auslösen.
Wie Farage beabsichtigt, den Stolz der britischen Streitkräfte wiederherzustellen, wenn sich das Land nicht einmal leisten kann, sein Militär angemessen zu finanzieren oder seinen zunehmenden Verpflichtungen in der NATO nachzukommen, ist unklar.
Zudem ist unklar, wie die Lesefähigkeiten in britischen Schulen durch das Aufhängen von Bildern von König Charles steigen sollen, oder die erschütternd schlechte Qualität der Bildung, die in den letzten rund 40 Jahren vermittelt wurde.
Tatsächlich sind die Mängel der politischen Vorschläge von Farage offen sichtbar ‒ und sie gründen auf den rohen Biologismus im Herzen seiner intellektuellen Weltsicht.
Farage ist im Kern ein nostalgischer Konservativer, dessen Gesellschaftsanalyse auf kruden biologischen Kategorien beruht ‒ in seinem Fall schlecht definierter ethnischer Gruppen. Die grundsätzliche Unterscheidung, die er zwischen "weißen Briten" und allen anderen ethnischen Gruppen zieht, ist beispielsweise einfach absurd. Viele nichtbritische ethnische Gruppen sind tatsächlich ebenso weiß wie Farages Briten. Und wenn sich Farage wirklich über kulturelle Unterschiede beschwert, wie er gelegentlich beteuert, warum erwähnt er dann überhaupt Hautfarben?
Farage will all die Übel, die aus seiner Sicht das moderne Britannien plagen, als durch ethnische Gruppen, die nicht in die Kategorie "weiße Briten" fallen, verursacht erklären. Ungewöhnlicherweise erklärt er zum Beispiel, "Britannien war 2009 keine ungleiche Gesellschaft" ‒ offenkundig tauchte Ungleichheit erst nach der Verabschiedung des Gleichheitsgesetzes 2010 auf und mit der darauffolgenden Massenmigration.
Das ist natürlich einfach eine Art magischen Denkens, das auf rohem ethnischen Vorurteil beruht. Farage redet, durchaus zutreffend, beispielsweise häufig von Messertaten ‒ aber begehen "weiße Briten" nie Messertaten oder überhaupt irgendwelche Verbrechen?
Tatsächlich teilt Farage seinen kruden Biologismus mit den woken Eliten, die er so lautstark kritisiert und verdammt: Paradoxerweise nutzen sie dieselben vagen biologischen Kategorien, die er nutzt, wenn auch zu exakt dem gegenteiligen Zweck.
Wo die woken Eliten das alte liberale Britannien zerstören wollen (das sie, wie Farage, als weiß definieren) und Angehörigen ethnischer Gemeinschaften Privilegien verleihen, will Farage das verlorene weiße Britannien wiederherstellen, ethnische Privilegien abschaffen und sie an "weiße Briten" zurückgeben.
Keine Seite dieser Debatte ist explizit "rassistisch" im ursprünglichen Sinn des Begriffs, obwohl beide Seiten regelmäßig der anderen genau das vorwerfen.
Nichtsdestotrotz erklären sowohl Farage als auch seine woken Gegner soziale und wirtschaftliche Probleme mithilfe biologischer Kategorien und sind daher unfähig, die wirklichen Gründe dieser Probleme richtig zu verstehen. Und weil sie beide einen tief verwurzelten wirtschaftlichen Konservatismus teilen, sind sie unfähig, wirksame Mittel gegen sie zu formulieren. Farage hat, wie seine woken Gegner aus der Elite, genuine Analyse für biologische Märchen aufgegeben.
Farages kruder Biologismus hat noch eine weitere eigenartige Folge: Er verleitet ihn dazu, seine "weißen Briten" als Opfer rassischer Vorurteile zu betrachten – ganz ähnlich, wie seine woken Gegner aus den Eliten ethnische Minderheiten darstellten, als sie jene illiberalen und spaltenden Ideologien entwickelten, die Farage heute verurteilt.
Es ist unwahrscheinlich, dass die politischen Aussichten von Reform UK durch Farages mangelhaftes Manifest beeinträchtigt werden. Die meisten Unterstützer von Reform werden Farages krude biologische Analyse eifrig verschlingen und ihr Vertrauen in seine utopischen Versprechen setzen, ein Britannien wiederherzustellen, in dem sich die "weißen Briten" ihren ethnischen Nachbarn von Haus aus überlegen fühlten, stolz auf ihre Armee und Marine waren und ein Empire regierten, in dem die Sonne niemals unterging.
Das Hauptproblem für Farage und Reform ist derzeit, dass die Umfragewerte der Partei in den letzten Monaten landesweit bei etwa 30 Prozent stehen geblieben sind ‒ eine Zahl, die nicht ausreicht, genug Sitze für die Partei zu gewinnen, um eine Regierung zu bilden. Auch dass vor kurzem mit der Partei "Restore Britain" eine Partei am rechten Rand von Reform aufgetaucht ist, macht Probleme.
Tatsächlich könnte Farages Manifest durchaus veröffentlicht worden sein, um die extremeren Wähler von Restore zurück in die Arme von Reform zu locken.
Nach den Nachwahlen in Makerfield am Freitag werden die Dinge klarer werden ‒ ein Sitz, den Reform eigentlich mit Leichtigkeit erobern müsste, wäre nicht Andy Burnham der Kandidat [Andy Burnham ist der Bürgermeister von Manchester, einer der beliebtesten Labour-Politiker, der vermutlich den farblosen und ungeliebten Keir Starmer beerben soll, sobald er ins Unterhaus gewählt ist]. Die Lage in Makerfield wird durch die Tatsache weiter kompliziert, dass dem Kandidaten von Reform sowohl Charisma als auch politische Urteilsfähigkeit abgeht, und in den letzten Umfragen liegt Restore bei etwa 8 Prozent ‒ neben Burnhams 45 Prozent und den 40 Prozent von Reform.
Nigel Farage wird zweifelsohne auf einen Sieg in Makerfield hoffen, der ‒ anders als sein Manifest ‒ Reform den langersehnten Schub in den Umfragen geben könnte.
Graham Hryce ist ein australischer Journalist und ehemaliger Anwalt, dessen Texte bereits in den Printmedien The Australian, The Sydney Morning Herald, The Age, The Sunday Mail, The Spectator und Quadrant veröffentlicht wurden.
Übersetzt aus dem Englischen.
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