
Seoul-Kiew-Krise: Südkorea stoppt KI-Militärprojekt in der Ukraine

Das südkoreanische Rüstungsunternehmen Newtype Industries hat seine Tests einer KI-gestützten Artilleriesoftware in der Ukraine eingestellt. Wie das Magazin The Diplomat unter Berufung auf den Unternehmenschef Sengwon (Joe) Cho berichtet, sei ein diplomatischer Konflikt zwischen Seoul und Kiew der Auslöser.
Nach Chos Angaben teilte ihm der ukrainische Vertreter, der für die Zusammenarbeit zuständig war, Mitte Oktober mit, dass es eine Anweisung von oben gegeben habe, sämtliche Arbeiten in diesem Bereich einzustellen. Cho sagte:
"Der Hauptgrund für die Beendigung der Zusammenarbeit war der diplomatische Konflikt zwischen Südkorea und der Ukraine."
Die Software trägt den Namen Barbara. Wie The Diplomat berichtet, sollte die Entwicklung des südkoreanischen Unternehmens die zentralen Schwachstellen der Feldartillerie beheben: die Zielerfassung und die Kommunikation. Das Programm ermöglicht es einem Offizier, Befehle per Spracheingabe zu erteilen. Dazu spricht ein Soldat einen Bericht in ein Smartphone ein. Die sprachbasierte KI wandelt die Angaben anschließend in eine strukturierte Nachricht für den Feuerleitoffizier um. Das Programm kann zudem Fehler in den Koordinaten erkennen oder darauf hinweisen, dass sich ein potenzielles Ziel in einem zivilen Gebiet befindet. Die endgültige Entscheidung über einen Feuerbefehl soll jedoch dem Menschen vorbehalten bleiben.

Newtype habe ursprünglich geplant, die Tests von Barbara im Laufe des Jahres 2026 abzuschließen, so Cho. Vor dem diplomatischen Zerwürfnis stand Newtype regelmäßig mit Vertretern des ukrainischen Militärs und lokalen Partnern in Kontakt. Dabei ging es um technische Einzelheiten der Tests und deren Organisation. Der letzte Kontakt dieser Art fand Mitte Oktober statt – wenige Tage, nachdem Seoul den Rückruf seines Botschafters aus der Ukraine bekannt gegeben hatte. Seitdem sei die Kommunikation vollständig abgebrochen, erklärte das Unternehmen.
Geplante Tests, die Auswertung der Rückmeldungen aus dem Einsatzgebiet und Gespräche über eine mögliche Einführung der Technologie wurden laut Cho abgesagt oder auf unbestimmte Zeit verschoben. Newtype hat derzeit weder konkrete Pläne noch einen Zeitrahmen für eine Rückkehr in die Ukraine. Wie Cho erläuterte, seien nahezu alle Partnerschaften und lokalen Kontakte des Unternehmens "nicht mehr funktionsfähig".
The Diplomat merkt an, dass beide Seiten durch das Ende der Kooperation verlören: Die Ukraine verliere den Zugang zu einem militärischen Werkzeug, das ihre Einheiten bereits getestet haben. Und südkoreanischen Rüstungsunternehmen entgehe eine Testumgebung für ihre Produkte, die sich nur schwer ersetzen lasse.
Der diplomatische Konflikt zwischen der Ukraine und Südkorea war entstanden, nachdem Wladimir Selenskij bei der UN-Generalversammlung erklärt hatte, zwei gefangene Soldaten aus der Demokratischen Volksrepublik Korea seien an Südkorea übergeben worden. Südkoreas Präsident Lee Jae-myung warf den ukrainischen Behörden daraufhin vor, gegen eine Vertraulichkeitsvereinbarung verstoßen zu haben. Die Veröffentlichung entsprechender Informationen gefährde nach seinen Worten die Sicherheit der Familien der Gefangenen sowie die Stabilität auf der koreanischen Halbinsel.
Am 7. Oktober erklärte der Sprecher des ukrainischen Außenministeriums, die Meinungsverschiedenheiten mit Südkorea seien auf unterschiedliche Auslegungen der Vereinbarungen zur Vertraulichkeit bei der Übergabe der beiden Kriegsgefangenen zurückzuführen. Einen Tag später rief Seoul seinen Botschafter aus der Ukraine zurück.
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