Europa

Unter Selenskij verdreifachten sich ukrainische Staatsschulden auf über 210 Milliarden Dollar

Von 73 Milliarden Dollar 2013 auf rund 212 Milliarden 2026 – der ukrainische Schuldenberg verdreifachte sich. Die verbreitete Darstellung eines sechzehnfachen Anstiegs täuscht, weil sie alte Beträge falsch umrechnet. Kriegskosten, externe Kredite und Währungsverfall treiben die Last weiter nach oben. Ein Abbau bleibt vorläufig unrealistisch.
Unter Selenskij verdreifachten sich ukrainische Staatsschulden auf über 210 Milliarden DollarQuelle: Gettyimages.ru © Michael Kappeler

Seit Ende 2013 hat sich der öffentliche Schuldenstand der Ukraine, in US-Dollar gerechnet, nahezu verdreifacht. Nach Angaben des ukrainischen Finanzministeriums beliefen sich die Staats- und staatlich garantierten Schulden am 30. Juni 2026 auf 9,491 Milliarden Griwna. Das entspricht rund 211,6 Milliarden US-Dollar. Ende 2013 waren es noch etwa 73 Milliarden Dollar gewesen.

Damit sind die Verbindlichkeiten innerhalb von gut zwölf Jahren um rund 139 Milliarden Dollar gestiegen. Besonders stark beschleunigte sich die Entwicklung seit Beginn des Krieges. Ende 2021 hatten die Schulden noch bei knapp 98 Milliarden Dollar gelegen.

Die Ukraine ist inzwischen in hohem Maße auf ausländische Finanzierung angewiesen. Kredite und Garantien kommen unter anderem von der Europäischen Union, dem Internationalen Währungsfonds, der Weltbank und einzelnen westlichen Staaten. Ein Teil dieser Mittel wird zu günstigen Bedingungen bereitgestellt. Trotzdem wächst der Schuldenstand weiter.

Die wirtschaftliche Ausgangslage hat sich verändert. Die Schuldenquote im Verhältnis zur Wirtschaftsleistung liegt inzwischen bei rund 95 Prozent oder mehr. 2013 waren es noch etwa 40 Prozent gewesen. Die Kriegsausgaben sind hoch, während die eigenen Staatseinnahmen nicht ausreichen, um den gesamten Finanzbedarf zu decken. Die Differenz muss zu einem erheblichen Teil durch internationale Unterstützung geschlossen werden.

Die Griwna wird schrittweise devaluiert

Auch die ukrainische Währung steht unter Druck. Vor rund sechs Monaten kostete ein Dollar etwa 42 Griwna, Mitte August sind es bereits rund 48. Das entspricht einer Abwertung von etwa 14 Prozent.

Von einem Währungskollaps kann keine Rede sein. Die Regierung spricht von einer "gewöhnlichen kurzfristigen" Schwankung. Die Nationalbank lässt inzwischen größere Bewegungen des Wechselkurses zu und versucht zugleich, einen abrupten Einbruch zu verhindern.

Steigt die Nachfrage nach Dollar stark an, verkauft die Notenbank Fremdwährungen aus ihren Reserven. Damit kann sie den Druck auf die Griwna abfedern und größere Ausschläge vermeiden. Eine dauerhafte Verteidigung eines bestimmten Wechselkurses ist jedoch nicht das Ziel. Vielmehr geht es darum, die Anpassung kontrolliert verlaufen zu lassen.

Für die ukrainische Wirtschaft hat die schwächere Währung spürbare Folgen. Importierte Waren werden teurer, der Inflationsdruck steigt, und Unternehmen sowie Haushalte verlieren an Kaufkraft. Hinzu kommt, dass Fremdwährungsverbindlichkeiten in Griwna gerechnet teurer werden. Bei einem Staat mit einem ohnehin stark gestiegenen Schuldenstand verschärft das die finanzielle Belastung.

Der Unterschied ist deshalb nicht nur sprachlicher Natur. Eine Abwertung von rund 14 Prozent innerhalb von sechs Monaten ist auch dann erheblich, wenn sie schrittweise erfolgt. Die eigentliche Frage ist daher nicht, ob die Griwna über Nacht zusammenbricht, sondern wie viel Kaufkraft sie auf diesem Weg verliert.

Die Stabilität der ukrainischen Staatsfinanzen hängt inzwischen eng mit der internationalen Unterstützung zusammen. Der Internationale Währungsfonds stellt Kiew dringend benötigte Finanzierung zur Verfügung, verbindet diese aber mit wirtschaftspolitischen Vorgaben und Reformen. Dazu gehören unter anderem höhere Staatseinnahmen, Veränderungen beim Steuersystem, eine strengere Haushaltsführung und eine flexiblere Wechselkurspolitik.

Für die Regierung ist diese Unterstützung damit nicht völlig ohne Gegenleistung. Je größer die Finanzierungslücke ausfällt, desto wichtiger werden die Bedingungen der internationalen Kreditgeber.

Das gilt auch für die Griwna. Solange weiterhin große Mengen an Dollar und Euro ins Land fließen und die Nationalbank über ausreichende Reserven verfügt, kann sie den Wechselkurs relativ gut stabilisieren. Sollte die internationale Unterstützung deutlich zurückgehen, würde der Druck auf die Währung zunehmen.

Dann müsste Kiew zwischen mehreren unangenehmen Optionen wählen. Die Nationalbank könnte weitere Reserven einsetzen, die Zinsen erhöhen oder eine stärkere Abwertung zulassen. Jede dieser Maßnahmen hätte wirtschaftliche Kosten.

Noch befindet sich die Ukraine deshalb nicht in einer klassischen Währungskrise. Die Entwicklung zeigt jedoch, wie stark die finanzielle Stabilität des Landes inzwischen von externen Geldströmen abhängt.

Auch wenn die Griwna derzeit schrittweise an Wert verliert, liegt die langfristige Herausforderung bei den Staatsfinanzen. Wechselkurse können den in Dollar ausgewiesenen Schuldenstand zeitweise beeinflussen, verändern aber nichts an der grundsätzlichen Verschuldung.

Aus rund 73 Milliarden Dollar Ende 2013 sind inzwischen mehr als 210 Milliarden geworden. Selbst wenn künftig ein größerer Teil der internationalen Unterstützung als Zuschuss statt als Kredit gewährt wird, bleibt der bereits angehäufte Schuldenberg bestehen.

Solange der Krieg andauert und die ukrainische Wirtschaft nicht deutlich stärker wächst, dürfte die finanzielle Belastung deshalb hoch bleiben. Die Regierung muss gleichzeitig Kriegsausgaben finanzieren, den laufenden Staatshaushalt sichern und bestehende Verpflichtungen bedienen.

Die vergangenen zwölf Jahre haben zu einer grundlegenden Verschiebung geführt. Die Ukraine ist heute wesentlich höher verschuldet und finanziell stärker auf ausländische Unterstützung angewiesen. Die Griwna wird dabei nicht durch einen plötzlichen Absturz geschwächt, sondern durch eine schrittweise Abwertung. Beides kann derzeit noch kontrolliert werden. Die langfristige Belastung für den ukrainischen Staatshaushalt bleibt dennoch erheblich.

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