Von Rainer Rupp
Tatsächlich konnte man in Donald Trumps Ton gegenüber Iran in den letzten Tagen einen deutlichen Wandel feststellen. Im Vergleich zu Trumps bisheriger maximalen Härte in seinen Drohungen ("we will wipe them out" – wir werden sie auslöschen –, oder "we kick their ass all over the place") ist seine Rhetorik deutlich gemäßigter, ja sogar respektvoller geworden. Trump verblüffte vollends, als er jetzt sogar begann, iranische Standpunkte nachzuvollziehen und faktisch einzuräumen, dass die jüngsten iranischen Gegenangriffe eine Reaktion auf vorherige US-Maßnahmen gewesen seien: "They (Iran) were slightly provoked. They were reciprocating." ("Sie wurden leicht provoziert. Sie haben darauf geantwortet.")
In seiner Rundmail vom 4. Juni an seine zahlenden Abonnenten berichtet Larry Johnson, dass der iranische Präsident Massud Peseschkian und der pakistanische Premierminister Shehbaz Sharif letzte Woche über eine unsichere Leitung ein bedeutendes Gespräch geführt haben. Er schreibt: "Mir wurde zuverlässig mitgeteilt, dass dies absichtlich von den Iranern und Pakistanern getan wurde – d. h., die Iraner und Pakistaner zählten darauf, dass die US-Amerikaner und die Israelis mithörten. Der Schlüsselteil des Gesprächs zwischen Peseschkian und Sharif war dies:
Präsident Peseschkian teilte Sharif ein formal strukturiertes, dreistufiges strategisches Ultimatum mit, das Iran den USA stellen werden, falls die US-Angriffe fortgesetzt würden:
1. Sofortiger Rückzug aus den laufenden Atom-Friedensgesprächen.
2. Völlige Aufgabe des prospektiven Nuklearvertragsrahmens.
3. Die Detonation einer Atombombe auf iranischem Boden – ausgeführt nicht als Kriegswaffe, sondern als unbestreitbare Demonstration souveräner Fähigkeiten und ultimativer Kontrolle über die Eskalationsleiter.
Weiter berichtet Johnson, dass US-Außenminister Marco Rubio etwa eine Stunde später vom pakistanischen Außenminister Ishaq Dar angerufen wurde und dieselbe Nachricht erhielt. Damit habe das Weiße Haus gewusst, dass die Informationen legitim waren. Inzwischen haben mehrere Quellen in Moskau und Washington Johnsons Vermutung bestätigt, dass nämlich Trump davon ausgeht, dass Iran einsatzbereite Atomwaffen besitzt.
Das könnte erklären, warum sich Trumps Rhetorik gegenüber Teheran in den letzten Tagen dramatisch verändert hat, siehe oben. So habe Trump z. B. die iranischen Vergeltungsangriffe vom Mittwoch gegen US-Militärinfrastruktur in einer Reihe von Golfstaaten – wobei u. a. der internationalen Flughafen Kuwaits von einer fehlerhaften PAC3-Patriot-Rakete in Brand gesetzt worden war – als Bagatelle heruntergespielt. Die iranische Vergeltung erfolgte nur wenige Stunden nach US-Raketenangriffen auf einen iranischen Tanker und eine iranische Insel im Persischen Golf.
Der Ex-CIA-Mitarbeiter geht allerdings davon aus, dass die US-Geheimdienste, von denen es insgesamt 17 gibt, die Existenz einer iranischen Atombombe nicht, oder noch nicht beweisen können. Die pakistanische Regierung sei jedoch überzeugt, dass die iranische Drohung, eine Atombombe zu zünden, nicht bloß rhetorischer Natur gewesen ist. Sonst hätte der pakistanische Außenminister Dar niemals den Inhalt des besagten Gespräches zwischen dem iranischen und pakistanischen Regierungschef bereits eine Stunde später Rubio mitgeteilt.
Damit scheint die naheliegende Vermutung einer iranischen Kriegslist ausgeschlossen. Denn Pakistan kann sich aus vielen Gründen, nicht zuletzt finanziellen, nicht leisten, Washington nachhaltig zu verärgern, indem es sich bei einer derart folgenreichen Operation vor den iranischen Karren spannen ließe, um die USA hinters Licht zu führen. Daher ist gut vorstellbar, dass die Iraner in den zurückliegenden Tagen oder Wochen pakistanische Nuklearexperten zu einer "Fact finding"-Tour eingeladen hatten, damit diese ihrem Premierminister Sharif anschließend bestätigen konnten, dass die Iraner nicht bluffen.
In seiner Rundmail über auf eine iranische Nuklearwaffe erwähnt Johnson auch, dass er und der bekannte Journalist Pepe Escobar, der aktuell in Russland ist und dasselbe berichtete hatte, erhebliche Kritik von Skeptikern erfahren hätten. Inzwischen aber, so Johnson, habe auch der Jurist Robert Barnes, ein früherer Anwalt Trumps mit guten Verbindungen ins Weiße Haus, in einem Interview mit Mario Nawfal, dem größten Podcaster auf X mit Millionen Abonnenten, erklärt, er habe die gleichen Informationen über eine Quelle im Umfeld des Weißen Hauses erhalten.
Nach Johnsons Darstellung spielt Pakistan weiterhin eine zentrale Rolle bei den Verhandlungen zwischen Teheran und Washington. Islamabad bemühe sich darum, Trump zu einem Treffen mit Präsident Peseschkian nach Pakistan einzuladen, bei dem ein Friedensabkommen zur Beendigung des Konflikts mit Iran unterzeichnet werden könnte. Sollte ein solches Treffen zustande kommen, hätte dies nach Johnsons Einschätzung enorme politische und mediale Auswirkungen. Pakistan handle dabei nicht allein, sondern genieße die volle Unterstützung Russlands und insbesondere Chinas, das die führende Rolle übernommen habe.
Gleichzeitig verweist Johnson auf erhebliche Hindernisse für einen solchen diplomatischen Durchbruch. Das größte Problem sei Israel. Entscheidend werde sein, ob Trump bereit und in der Lage sei, Israel zu einem Rückzug aus dem Libanon zu bewegen. Zwar habe das Weiße Haus mit großem Nachdruck verkündet, dass Israel und der Libanon eine Friedensvereinbarung erzielt hätten, doch seien die bislang bekannt gewordenen Details für die einzige Kraft, die die israelische Besatzung bekämpft, nämlich für die Hisbollah, nicht akzeptabel.
Nach Johnsons Einschätzung wird die Hisbollah ihre Angriffe auf Nordisrael nicht einstellen, solange sich die israelischen Streitkräfte nicht aus dem Südlibanon zurückziehen. Berichten zufolge sehe die Vereinbarung vor, dass die Hisbollah keine bewaffneten Kräfte südlich des Litani-Flusses stationieren dürfe. Genau dieser Punkt sei für die Organisation jedoch nicht verhandelbar und stelle einen möglichen Grund für das Scheitern der Vereinbarung dar.
Johnson erwartet, dass Trump in den kommenden Tagen verstärkt optimistische Aussagen über eine bevorstehende Einigung machen wird. Gleichzeitig warnt er jedoch davor, die weiterhin bestehenden komplexen politischen und technischen Probleme zu unterschätzen, die vor einem endgültigen Abschluss noch gelöst werden müssten. Voraussetzung für einen Erfolg sei die Vereinbarung verbindlicher Garantien, etwa durch eine Ratifizierung im US-Kongress sowie zusätzliche Sicherheitsgarantien von Russland und China.
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