Im Falle von "Pinocchio" hatte die Polizei ein Verfahren eingeleitet, und die Staatsanwaltschaft Heilbronn stellte, nach öffentlichen Protesten wohlgemerkt, das Verfahren ein. Aber offenkundig ließ das der Staatsanwaltschaft keine Ruhe. Nun wurde, für einen Kommentar unter demselben Post der Heilbronner Polizei, ein Strafbefehl nach dem berüchtigten §188 StGB erlassen. Das inkriminierte Wort lautete in diesem Fall "Lackaffe".
Nachdem ebendiese Staatsanwaltschaft im Falle von "Pinocchio" entschieden hatte, die politische Kritik stehe dabei im Vordergrund, meint sie nun, in diesem Fall fehle "der sachliche Bezug zum politischen Wirken", es ginge nur um eine persönliche "Ehrverletzung".
30 Tagessätze soll der Autor dieses Kommentars nun blechen. Der Originalpost der Polizei hat 134 Likes, wurde 5 Mal geteilt, und von den einst 400 Kommentaren stehen noch ganze 85 im Netz, der Rest ist wohl bereits Löschungen zum Opfer gefallen. Auf jeden Fall ist die Reichweite trotz des "Pinocchio"-Prozesses sehr begrenzt. Tatsächlich dürfte diese Reaktion wohl eher einen Streisand-Effekt auslösen.
38 Beiträge habe man genauer untersucht, gestand die Staatsanwaltschaft ein. Angesichts der Reichweite eines Beitrags der Heilbronner Polizei zu Einschränkungen des Luftverkehrs ein verhältnismäßiges Handeln? Es fragt sich, warum diese reichweitenschwache Meldung überhaupt die Aufmerksamkeit der Staatsanwaltschaft erregte. Vermutlich war wieder eine der berüchtigten Meldestellen aktiv. Oder das Justizministerium Baden-Württemberg gab die Anweisung, nach einem anderen Exempel zu suchen.
Der Duden erklärt "Lackaffe" als "eingebildeter, eitler Mann; Geck", und gibt als Synonyme "Dandy, Geck, Schnösel". Das Wort befindet sich erst seit 1980 im Rechtschreibduden. Auch das digitale Wörterbuch der deutschen Sprache kennt das Wort als "geschniegelter, geckenhafter Mann" und fügt noch einige praktische Anwendungsbeispiele hinzu. So einen Satz aus der Zeit vom 21.09.1998:
"Sie haben sich redlich bemüht, den neuen Lackaffen als Vorhut der Legionen feminisierter Männer willkommen zu heißen."
Der Begriff wurde auch schon auf andere Politiker angewandt. Christian Lindner beispielsweise wurde unter anderem im Kölner Karneval so betitelt; Markus Söder war schon Objekt gleichlautender Facebook-Kommentare, und Boris Johnson zog sich schon 2016, nach dem Brexit, eine entsprechende Bezeichnung zu, die damals die Welt von der belgischen De Tijd übernahm:
"In den vergangenen Wochen ist klar geworden, was für ein Politiker Johnson wirklich ist: ein wortgewandter Lackaffe, dem es zwar gelingt, viele Menschen vor seinen Karren zu spannen, der sich aber nicht um die Interessen der Allgemeinheit kümmert, sondern sich einzig und allein von seinen persönlichen Ambitionen leiten lässt."
Vermutlich wird über diesen Fall ein Gericht befinden müssen.
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