Von Dagmar Henn
Ja, das muss so sein. Passend zum israelisch-amerikanischen Angriffskrieg auf Iran erscheint ein Buch einer iranischen "Feministin", das dann auch noch von Angela Merkel vorgestellt wird. Wirklich rührend. Da sieht man doch gleich den völkerrechtswidrigen Angriff in einem ganz anderen Licht.
Die arme Autorin, die anonym veröffentlicht, berichtet also vom heldenhaften Kampf iranischer Frauen gegen "patriarchale und religiöse Unterdrückung", so der Spiegel. Wie gut, dass in Deutschland üblicherweise niemand Statistiken im Kopf hat. Das ist nämlich so eine Sache mit der weiblichen Freiheit.
In Iran sind, nur als Beispiel, die Hälfte der Ingenieursstudenten Frauen. In Deutschland sind es, trotz mittlerweile jahrzehntelanger Werbekampagnen an den Schulen, gerade mal 25 Prozent, also die Hälfte (und im "harten Kern" wie Elektrotechnik gerade mal 15 Prozent). Und obwohl am Ende in Iran nur die Hälfte der Studentinnen anschließend tatsächlich als Ingenieurinnen arbeitet, sind selbst das immer noch mehr als die 18 Prozent der Ingenieure, die in Deutschland Frauen sind.
Es gibt übrigens einen Dokumentarfilm von 1998, "Divorce Iranian Style", der leider aktuell nur auf Englisch zu finden ist. Es geht dabei um die Scheidungsverfahren von vier Frauen, keine davon ist wohlhabend. Es sind die Frauen, die die Scheidung betreiben; die Verfahren finden vor einem religiösen Richter statt. Ich sah ihn damals und war geradezu erschüttert. Denn tatsächlich taten mir die Männer danach leid. Wer diese Frauen gesehen hat, muss noch einmal ganz gründlich nachdenken, ehe er von "patriarchaler Unterdrückung" redet.
Merkels Sache ist das nicht, da geht es eher um die übliche transatlantische Propaganda. Und um die Erzählung, die Iraner würden, die Iranerinnen vor allem, sofort das "Regime" stürzen, so sie denn könnten.
"Sehen wir heute Abend gemeinsam hin, damit die Frauen und Mädchen, denen Nila mit ihrem Buch eine Stimme gibt, ihre Sehnsucht nach Freiheit und Menschenwürde, ihr Widerstand gegen Unfreiheit und Unterdrückung nicht vergessen werden", erklärte Merkel bei der Buchvorstellung. Nun ja, man weiß ja, was das in Wirklichkeit bedeutet, die letzten Jahre mit EU-Zensur und Kriegsgeschrei haben es mehr als deutlich illustriert.
Aber es gibt Bilder aus Iran, die da wirklich stutzig machen – zumindest, sofern man der Überzeugung ist, dass weibliche Freiheit sich weniger darin zeigt, ob man nun die Haare sieht oder nicht (wobei auch das im Iran wohl eher nicht die entscheidende Frage ist), sondern darin, welche Entscheidungsmöglichkeiten in Bezug auf das eigene Leben bestehen. Da sind die Ingenieursstudentinnen ein schlagendes Argument.
Wobei man in diesem Zusammenhang nicht vergessen darf, dass es in Deutschland eine Scheingleichheit ist. Über 90 Prozent des obersten Prozents in der Vermögensstatistik sind Männer. Der Anteil in den Vorständen der DAX-Konzerne liegt nach gesetzlicher Verpflichtung zu einer Erhöhung noch immer erst bei 25,5 Prozent. Der vergleichsweise hohe Frauenanteil in der Politik täuscht darüber hinweg, dass dort, wo die wirkliche Macht liegt, Frauen noch immer wenig zu sagen haben. Und wenn man diejenigen betrachtet, denen ein Aufstieg gestattet wird, weiß man meistens nicht, ob sie dümmer oder angepasster sind; in der EU und der Bundespolitik gibt es da einige abschreckende Beispiele.
Es gibt aus jüngerer Zeit Aufnahmen aus Iran, die im Grunde im Bild zusammenfassen, wie fraglich die ganze Erzählung ist, die Merkel da bewirbt. Junge Frauen, tatsächlich mit Kopftuch, aber auch mit Sturmgewehr … sogar während einer Hochzeit, Mann und Frau jeweils mit einer Waffe in der Hand.
Nun, geschichtlich ist es ein ziemlich zuverlässiges Zeichen, ob ein Staat von der Bevölkerung als unterdrückend wahrgenommen wird oder ob er sich vor dieser fürchtet, wenn man betrachtet, wie der Zugang zu Waffen gehandhabt wird.
Auch wenn das im Westen kaum einer weiß: In der DDR und in der Sowjetunion war es vollkommen normal, zu lernen, wo bei einem Gewehr vorn ist. Und im Buchhandel und in Bibliotheken waren Bücher frei verfügbar, die nicht nur Waffensysteme erklärten, sondern auch Taktiken in Straßenkämpfen und ähnliche Dinge. Im Jahr 2014, zu Beginn der Auseinandersetzungen im Donbass, wurden einige dieser Materialien als Dokumente im Netz geteilt, und ich habe sie äußerst verblüfft (wenn auch mühsam über Google Translate) betrachtet und gedacht, dass man sich in Deutschland schon verdächtig macht, wenn man so was nur im Netz sucht.
Ja, und Iran verteilt Gewehre an junge Frauen, außerhalb der Armee, als Zeichen der Wehrhaftigkeit. Sie halten sie stolz in den Händen. Und nun die Rätselfrage: Welche Frau ist freier, die ohne Kopftuch oder die mit der AK 47?
Merkel allerdings muss man für ihre Ahnungslosigkeit in diesem Zusammenhang ein wenig in Schutz nehmen. Schließlich studierte sie in der DDR und der Sowjetunion und hat keinerlei persönliche Erfahrung mit dem subtilen System, das in Deutschland bis heute Frauen gerade in technischen Berufen ausbremst, denn kaum war sie in der BRD angekommen, war sie schon "Kohls Mädel". Danach hat sie ohnehin nur noch Vorgaben aus Washington abgearbeitet. Nachdem Empathie auch nicht wirklich "ihrs" ist, hat sie von Fragen der Freiheit und Gleichheit westlicher Frauen einfach keine Ahnung. Es wäre also gut denkbar, dass sie dieser Geschichte auch dann auf den Leim gegangen wäre, wenn es nicht zu ihrem bezahlten Auftrag gehört hätte.
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