Bundesbankpräsident will noch spätere Rente

Die bisher vorgelegten Sozialkürzungen genügen noch nicht, um Aufrüstung und Ukraine-Krieg zu finanzieren. Nach der Streichliste bei der Krankenversicherung kündigt sich nun die bei der Rente an. Der Bundesbankpräsident legt vor.

Die Altersgrenze für die Rente steigt bereits seit Jahren – sie liegt aktuell, je nach Geburtsjahrgang, zwischen 66 und 67 Jahren. Ein früherer Renteneintritt ist ohne Verluste nur für jene möglich, die 45 Versicherungsjahre aufbringen; dann liegt er bei 65 Jahren. Jeder frühere Zeitpunkt führt zu einer niedrigeren Rente.

Tatsächlich liegt das Durchschnittsalter bei den Verrenteten darunter, nämlich bei 64,7 Jahren, weil viele gar nicht so lange arbeiten können. Die meisten davon erleiden deshalb Einbußen bei der Rentenhöhe.

Bundesbankpräsident Joachim Nagel meinte jetzt, das Renteneintrittsalter müsse noch weiter angehoben werden. In einem Interview mit dem Handelsblatt erklärte er das für "unausweichlich"; spätestens ab 2031 müsse der Rentenbeginn an die Lebenserwartung gekoppelt werden. Es sei "folgerichtig, dass wir einen Teil der zusätzlichen Lebenszeit arbeiten".

Eine Aussage, die einen ersten Einblick in die Veränderungen ermöglicht, die vermutlich demnächst in Gestalt des angekündigten Gutachtens zum Rentensystem auftauchen werden.

Die Lebenserwartung, so die Daten des Statistischen Bundesamtes, ist zuletzt sogar wieder etwas zurückgegangen. Laut der Antwort auf eine Anfrage der Linken ist sie seit 2012 weniger schnell gestiegen als das Renteneintrittsalter – der Anstieg wurde also überkompensiert.

Es gibt allerdings noch einen weiteren Punkt, der in diesem Zusammenhang oft übergangen wird: Die Lebenserwartung unterscheidet sich sehr. Eine Auswertung des sozioökonomischen Panels (SOEP) von 2024 ergab einen Unterschied von mindestens 6,6 Jahren zwischen Arm und Reich für Männer und 3,7 Jahren für Frauen; nach neueren Analysen nimmt der Abstand sogar weiter zu und liegt bei Männern bei bis zu 7,2 Jahren.

Was bedeutet, dass bei den Empfängern niedrigerer Renten die Lebenserwartung ab- und nicht zunimmt. Einer der Autoren der Studie von 2024 formulierte das so: "Wenn Menschen mit niedrigen Renten diese kürzere Zeit beziehen, weil sie systematisch früher sterben, widerspricht dies dem Äquivalenzprinzip der Rentenversicherung." Anders gesagt: Sie werden benachteiligt und ihre Beiträge kommen am Ende den wohlhabenderen Versicherten zugute.

Eine Tendenz, die durch einen weiteren Vorschlag Nagels noch verstärkt wird, denn er begrüßte auch die Förderung von Aktiendepots als Nachfolger der Riester-Rente. Das sei "ein richtiges Signal und ein wichtiger Schritt hin zu einer stärkeren kapitalgedeckten Säule für die Altersvorsorge".

Tatsächlich scheiterte schon die Riester-Rente daran, dass zu viele Beschäftigte dafür kein Geld übrig hatten. Eine Förderung von Aktienanlagen verstärkt nur den Effekt, den schon die unterschiedlichen Lebenserwartungen haben – sie verbessert die Lage jener, die ohnehin schon höhere Einkommen haben. Die untersten Einkommensgruppen haben kein Vermögen und keine freien Beträge, um Ersparnisse zu bilden, gleich in welcher Gestalt, und sie haben meist auch keine zusätzliche Betriebsrente.

Die Zukunft der Arbeitsgesellschaft selbst ist zudem unsicher – welche Arbeiten sollen verrichtet werden, wenn die Roboterisierung sich durchsetzen sollte? Das Problem sind dann weit eher zu viele als zu wenige Arbeitskräfte.

Dennoch dürfte die Aussage des Bundesbankpräsidenten die Richtung der Überlegungen andeuten, denen die Bundesregierung folgen wird.

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