Seit vergangenem Samstag verfügt die deutsche Hauptstadt über eine Helmut-Kohl-Allee. Vorangetrieben hatte die Umbenennung der Hofjägerallee die Berliner CDU unter ihrem Landesvorsitzenden Kai Wegner, dem Regierenden Bürgermeister Berlins.
Die Widmung einer Berliner Straße für den "Kanzler der Einheit" – wie die Berliner CDU Kohl tituliert – war sogar Bestandteil des Koalitionsvertrags zwischen CDU und SPD. Helmut-Kohl-Straßen oder -Plätze gibt es bereits in anderen Städten der Bundesrepublik, etwa in Dessau in Sachsen-Anhalt oder in Kohls Heimatstadt Ludwigshafen.
Als Objekt der Umbenennung hatte man sich in Berlin die Hofjägerallee erwählt, die von der Siegessäule am Großen Stern bis zum südlichen Ende des Tiergartens führt. Der Name erinnerte daran, dass der Tiergarten ursprünglich ein kurfürstliches Jagdrevier war.
Warum die Wahl gerade auf die Hofjägerallee fiel, dürfte mehrere Gründe haben: Sie ist zentral gelegen und eine bedeutende Straße. Berlins Regierender Bürgermeister Wegner erklärte dazu in einer Pressemitteilung: "Eine große Straße für einen großen Mann, dem wir viel zu verdanken haben."
Nicht ganz unwichtig dürfte auch sein, dass die jetzige Helmut-Kohl-Allee an die Klingelhöferstraße anschließt. Dort befinden sich mit der CDU-Parteizentrale und der Konrad-Adenauer-Stiftung (KAS) zwei wichtige christdemokratische Institutionen. Der Zeitpunkt der Umbenennung wird der Berliner CDU nicht ganz ungelegen kommen – im September finden in der Bundeshauptstadt Wahlen zum Abgeordnetenhaus statt.
Zudem führt die Allee ausschließlich zwischen den Bäumen des Tiergartens hindurch – es gibt also keine Anwohner, die vom bürokratischen Aufwand einer Straßenumbenennung betroffen sein könnten. Dementsprechend hält sich die Kritik an dem geänderten Namen im Berliner Stadtbild in Grenzen.
Unter Helmut Kohls Kanzlerschaft ereignete sich der Fall der Berliner Mauer ‒ er war maßgeblich für die Anbahnung der deutschen Wiedervereinigung im Jahr 1990 verantwortlich. Kohl setzte sich auch massiv für den sogenannten "Hauptstadtbeschluss" ein, der vorsah, dass Berlin Hauptstadt des wiedervereinigten Deutschlands sein sollte, nicht wie bisher das nordrhein-westfälische Bonn.
Die Straßenumbenennung erfolgte pünktlich zum Europatag am 9. Mai. Anschließend feierten die drei Veranstalter Senatskanzlei, Konrad-Adenauer-Stiftung und Bundeskanzler-Helmut-Kohl-Stiftung im Festsaal der KAS. Es erschien nahezu alles, was in der Berliner CDU Rang und Namen hatte. Dass Kohls Witwe Meike Kohl-Richter nicht bei der Festveranstaltung zugegen war, ist verständlich, hat sie doch eine eigene Helmut-Kohl-Stiftung e. V. ins Leben gerufen und führt wegen der Namensrechte Klage gegen die Berliner Konkurrenzstiftung.
Das Fehlen anderer Persönlichkeiten der Bundespolitik fiel jedoch ins Auge: Auch Kohls Amtsnachfolger Angela Merkel und Friedrich Merz, beide CDU, glänzten durch Abwesenheit. Dabei hätte zumindest der amtierende Bundeskanzler laut offiziellem Terminkalender am 9. Mai nichts vorgehabt.
Es muss allerdings offen bleiben, ob Merz lediglich sein schon zu Lebzeiten Kohls distanziertes Verhältnis zum "Kanzler der Einheit" fortsetzen wollte oder ob er es darauf anlegte, Deutschlands Hauptstadt am sowjetisch-russischen Tag des Sieges zu vermeiden und lieber den Europatag im heimischen Sauerland beging.
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