Tod der ukrainischen Logistik? Russlands neue billige Lenkwaffe zerstört Brücken und Strommasten

Wer im Abnutzungskrieg siegen will, braucht Waffen mit gutem Preis-Leistungsverhältnis unter Gewährleistung nötiger Zielwirkung – und muss die Logistik des Gegners torpedieren. Gestatten: Die neue Version der russischen Kamikazedrohne Geran zum Einsatz gegen Brücken und Strommasten.

Von Telegram-Kanal Wojenny Oswedomitel ("Militärinformant") @milinfolive

Experten der ukrainischen Seite beziehungsweise westliche Experten berichten vom Auftauchen eines neuen, sogenannten Hohlladungs-Schneid-Gefechtskopfs bei den Streitkräften der Russischen Föderation – nämlich für die strahlgetriebenen "Geran"-Kamikazedrohnen. Er wird auch bereits eingesetzt – und zwar bisher vorwiegend zum Zerstören von Stromleitungsmasten.

Einigen Berichten zufolge besteht der Sprengkopf aus einer Hauptladung von etwa 40 Kilogramm und vier zusätzlichen, wie es heißt, "schneidenden" Hohlladungselementen von je etwa 5 Kilogramm – darauf ausgelegt, Stahlkonstruktionen zu durchtrennen. Das Hauptmerkmal dieser Konstruktion liegt nicht in der Konzentration der Explosionsenergie auf einen einzigen Punkt – wie bei einem klassischen Hohlladungs-Sprengkopf –, sondern in deren Verteilung auf mehrere Elemente; dies ist bei der Zerstörung komplexer gitterartiger Strukturen und anderer Strukturen mit länglichen tragenden Elementen wirksamer.

(Anm. d. Red.: Eine Schneidladung funktioniert ähnlich wie ein Hohlladungs-Gefechtskopf und kann mit Fug und Recht auch als eine Abart der Hohlladung bezeichnet werden – nur dass die Aussparung im Sprengstoff, die den Konzentrationseffekt bewirkt, nicht kegel- oder halbkugelförmig ist wie etwa bei einer Panzerfaustgranate, sondern länglich und trogförmig, meist wie ein V im Querschnitt, und entlang der ebenfalls länglichen Sprengstoffladung verläuft.

Dass gerade dies die Art der Sprengladung sein dürfte, die diese neue Unterart der russischen Geran-Kamikazedrohnen tragen, dafür gibt es Berichte aus der Ukraine: Sergei "Flash" Beskrestnow, ein Berater des ukrainischen Präsidenten Selenskij, teilte die Information, dass etwa gegen Strommasten in der Ukraine gerade solche Sprengladungen zum Einsatz gekommen seien.

Schneidladungen werden meist bei Abrissarbeiten eingesetzt, man versuchte aber auch in Vergangenheit bereits, sie militärisch zu nutzen: Etwa in der Sowjetunion, am NII Stali ("Wissenschaftliches Forschungsinstitut zu Stahl") in Moskau wurde in den Jahren 1964 bis 1972 Reaktivpanzerung nach diesem Prinzip entwickelt und erprobt, in deren Segmenten eher kurze Schneidladungen, durch ein Wuchtgeschoss oder den spitzen Strahl eines Hohlladungsgeschosses  des Gegners ausgelöst, einen flachen Strahl aus Metall und Gasen quer zu diesem aussonderten.

Dies soll den Hohlladungsstrahl der gegnerischen Granate zerklüften beziehungsweise das gegnerische Wuchtgeschoss durchschneiden und so ihre Durchschlagskraft erheblich mindern.

Dieses Prinzip wurde aber in der Sowjetunion zugunsten von Metallplatten verworfen, die durch Sprengstoff schräg-quer zum Strahl der Hohlladungsgranate beziehungsweise zum Wuchtgeschoss des Gegners geschleudert werden – und so funktionieren im Grunde alle Modelle von Reaktivpanzerung, die in der Sowjetunion und später in Russland zum Einsatz kamen.

In der postsowjetischen Ukraine allerdings wurde das Prinzip der Schneidladung für Reaktivpanzerung wieder aufgegriffen und Kampfpanzer des Militärs mit Reaktivpanzerung des Modells Nosch in nicht näher bekannter Zahl ausgestattet. Die Wirksamkeit ist jedoch unter Experten umstritten.Die Schneidladungen, die die "Geranien" tragen, sind freilich deutlich größer. Unten sehen Sie die Schneidladungen der Reaktivpanzerung Nosch von wenigen Zentimetern Länge; im Vergleich dazu sind die von der Geran getragenen Scheidladungen mehrere Dutzend Zentimeter lang und entsprechend dick.)

Urteilt man nach den veröffentlichten Aufnahmen, so wurden die strahlgetriebenen Kamikazedrohnen des Typs Geran-4 mit dieser speziellen Zuladung bereits erfolgreich gegen einen Stromleitungsmast nahe dem Fluss Dnjepr eingesetzt – Stromleitungen stellen ja genau eine solche Gitterkonstruktion dar, gegen die diese Konfiguration gedacht ist.

Dies könnte ein erhebliches Problem für die ukrainische Energiewirtschaft darstellen, die historisch bedingt ein Ungleichgewicht aufweist: Sie besteht im Grunde aus einem überschussreichen westlichen Teil mit drei Kernkraftwerken und seit geraumer Zeit auch Stromimporten aus Europa – sowie einem defizitären östlichen Teil, wo zudem zahlreiche energieintensive Industrie-Großbetriebe angesiedelt sind.

Nach einer jahrelangen Kampagne von Raketen- und Drohnenangriffen, die Russland gegen das Kiewer Regime gefahren hat, ist ein Großteil der ukrainischen Stromerzeugungskapazitäten (außer der Anlagen, die der Kernkraft angehören) beschädigt oder gänzlich ausgefallen – und die noch funktionsfähigen Anlagen erfordern eine ständige Umverteilung von Elektrizität aus dem Westen in den Osten. Daraus ergibt sich die entscheidende Bedeutung der über den Dnjepr verlaufenden Hochspannungsfernleitungen: Umfangreiche Stromtransfers zwischen den Landesgebieten werden über eine lediglich begrenzte Anzahl von Haupttrassen abgewickelt. Sollten diese also ausfallen, könnte für die Ukraine eine Situation entstehen, in der zwar Erzeugungskapazitäten und Strom vorhanden sind – diese jedoch nicht in der erforderlichen Leistung an die jeweiligen Verbraucher verteilt werden können.

Und ganz besonders kritisch ist das bei den speziellen Masten, mittels derer die Hochspannungsleitungen den Dnjepr überspannen: Im Gegensatz zur Reparatur eines herkömmlichen Landmastes erfordert die Instandsetzung solcher Freileitungsmasten schweres Spezialgerät, komplexe Berechnungen und aufwendige Montagearbeiten.

Ein weiteres potenzielles Problem, das sich für das Kiewer Regime durch Russlands Einsatz dieser neuen Modifikation der Geran-Kamikazedrohnen mit Schneidladungen ergeben, könnten Angriffe auf die beiden Schrägseilbrücken über den Dnjepr in Kiew darstellen – die Südbrücke und die Nordbrücke. Die tragende Struktur dieser Brücken basiert auf dicken Stahlseilen (Schrägseilen) – und, wie schon beschrieben, ist ja der neue Sprengkopf der Geran-Drohnen gezielt darauf ausgelegt, Metallkonstruktionen gerade dieser Art zu zerstören.

Einer Studie der Nationalen Akademie der Wissenschaften (NAS) der Ukraine zufolge bewältigen diese beiden Brücken gemeinsam etwa 50 Prozent des gesamten Verkehrsaufkommens über den Dnjepr – und das nicht bloß in Kiew, sondern landesweit: Die Südbrücke allein wickelt bis zu 90 Prozents des Fernverkehrs aus der linksufrigen Ukraine in Richtung Europa ab. Zudem verlaufen über die Südbrücke auch eine U-Bahn-Linie sowie Busverbindungen – ein Treffer hier würde die Verfügbarkeit der gesamten städtischen Infrastruktur der Hauptstadt beeinträchtigen.

Ganz zu schweigen vom militärischen Transport von Gütern und Personal von einem Flussufer zum anderen, für den die Dnjepr-Brücken absolut unverzichtbar sind.

Selbst ohne einen vollständigen Einsturz von Brückensegmenten würden bereits ausreichend schwere Schäden an den tragenden Seilen bewirken, dass die Struktur geschwächt und ihr Gleichgewicht gestören werden. Dies hätte zwangsläufig Einschränkungen des Verkehrsflusses oder sogar Dauersperrungen für langwierige Reparaturarbeiten zur Folge.

Somit lässt sich bereits jetzt feststellen, dass Russland in seinem Arsenal für Fernangriffe ein spezialisiertes Mittel zur Einwirkung auf tragende Metallkonstruktionen zur Verfügung steht. Dieses hat sich schon jetzt in der Praxis bei der Zerstörung von Hochspannungsleitungen bewährt – und könnte auch weiterhin gegen bestimmte Schrägseilbrücken eingesetzt werden, in Zukunft durchaus auch intensiver als bisher.

Angesichts der Instabilität des ukrainischen Energiesystems könnten kombinierte Angriffe auf Erzeugungs- und Verteilungsanlagen der Ukraine die Möglichkeit nehmen, Energie flexibel zwischen ihren Regionen umzuverlagern – und gleichzeitig könnten gezielte Angriffe auf Brücken die verfügbaren Verkehrskorridore physisch einschränken.

Das Ergebnis hängt in beiden Fällen jedoch nicht allein von dem neuartigen Gefechtskopf ab, sondern auch davon, wie systematisch Russland bei der Bekämpfung der Ziele vorgeht und über welche verbleibenden Reserven die ukrainischen Verkehrs- und Energiesysteme noch verfügen. Etwaige Synergieeffekte könnten durchaus verheerend sein.

Übersetzt aus dem Russischen.

https://t.me/milinfolive ist ein russischer Telegram-Kanal, auf dem der anonyme Autor oder die Autoren kurze Kommentare und Analysen aus eigener Feder zu aktuellen militärischen und politischen Anlässen veröffentlichen und Kommentare Dritter nebst Nachrichten aus demselben Themenbereich reposten.

Dieser Beitrag wurde exklusiv für RT verfasst.

Mehr zum Thema – Das "Karussell" aus "Geran"-Drohnen treibt die Werchowna Rada in die Keller